Glossar gotischer Begriffe
Sammlung von Zitaten zur Backsteingotik – insbesondere zu St. Marien in Wismar –
von Dr. Karl-Reinhard Titzck;   (Stand 28.11.04)
Referatsleiter im Minsterium für Bildung, Kultur und Wissenschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern

 

Alfred Andersch (1914-1980)

In Wismar

„In Wismar gibt es einen Bahnhof. Hier kommt Judith im Roman mit dem Zug aus Lübeck an. Sie ist enttäuscht von diesem Ort: "...er war klein und leer, leer und tot unter seinen riesigen Türmen...Von diesen Türmen war nichts zu erwarten.". Deshalb geht sie durch die Stadt hindurch zum Hafen. "Dort konnte sie ein Stück von der offenen See erblicken. Die See war blau, ultramarinblau und eisig." (S.19 f.) Am Hafen könnten einige Gasthäuser als "Wappen von Wismar" mit Blick auf den Kai herhalten. Neben dem Werft- und Kalihafen gibt es auch einen Überseehafen, von dem aus auch größere Schiffe den Ostseeraum befahren. Der Alte Hafen dient heute noch, wenn auch nur noch im geringen Maße, als Fischerhafen. Andersch lässt Gregor das Panorama der Stadt mit seinen fünf "maßlosen Ziegelkirchen" (S. 11) so beschreiben: "Sie war nichts als ein dunkler, schieferfarbener Strich, aus dem die Türme aufwuchsen...sechs Türme. Ein Doppelturm und vier einzelne Türme, die Schiffe ihrer Kirchen weit hinter sich lassend, als rote Blöcke in das Blau der Ostsee eingelassen, ein riesiges Relief." (S. 22). Sie sind heute nur zum Teil noch erhalten. St. Georgen ist Helanders Kirche, auf deren Querschiffwand der Pfarrer vergeblich auf ein Schriftzeichen Gottes wartet:"..Dreißigtausend Ziegel als nackte Tafel. ohne Perspektive, zweidimensional, braunes Rot, schieferfarbenes Rot, gelbes Rot, blaues Rot, zuletzt nur ein einziges dunkel phosphoreszierendes Rot". (S. 10). Die Kirche, im Krieg stark zerstört, wird zurzeit wiederhergestellt. Aber auch in ihr würde man den "Klosterschüler...am Fuß des nordöstlichen Pfeilers der Vierung" nicht finden (S. 29). Als weitere Kirche erwähnt Andersch die Nicolai-Kirche, die, da unzerstört, heute noch einen grandiosen Eindruck der norddeutschen Backsteingotik vermittelt.“  (Sansibar oder der letzte Grund, Zürich 1970, (Diogenes Taschenbuch Nr. 20055, Zitate nach dieser Auflage von Friedrich Niggemeier: Fiktives Rerik und reales Rerik im Vergleich).
 

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Jürgen Borchert (1941-2000), Schriftsteller

Von Mecklenburgs Städten

 
„Die Städte sind, von ihrem Erscheinugsbild her, höchst verschieden. Wirkliche Urbanität erlangten eigentlich nur die Seestädte Rostock und Wismar und die Vorderstädte Güstrow, Parchim und Neubrandenburg. Mit ihren großen Kathedralen, Domen und Pfarrkirchen aus rotem Backstein bewiesen sie ihren Rang. Das trifft in besonderem Maße auf Rostock und Wismar zu. Die Marienkirchen in beiden Städten, Kolosse wie Sankt Georg zu Wismar oder Sankt Peter zu Rostock waren ja nicht nur Ausdruck von Frömmigkeit und Gottesfurcht. Sie waren zunächst Symbol patrizisch-hanseatischen Reichtums. Leider fielen einige dieser Großkirchen ganz oder teilweise dem Bombenkrieg zum Opfer, Rostock verlor St. Jacobi vollständig, Sankt Peter und Sankt Nikolai erlitten schwerste, bis heute nicht behobene Schäden, Nur Sankt Marien, das Herzstück des alten Rostock, eine der mächtigsten Kathedralen des Ostseeraums, blieb wie durch ein Wunder unversehrt, während die Stadt zu ihren Füßen in Trümmer sank.

In Wismar wurde die Marienkirche bis auf den heute frei aufragenden stolzen Turm zerstört. Sankt Georgen, eine der merkwürdigsten Kirchen Mecklenburgs, erlitt schwerste Demolierungen. 1993 hat der Wiederaufbau dieses herrlichen gotischen Gotteshauses begonnen....

Der Stolz der alten Hansestädte, wie sie an der Ostsee vorzüglich durch Lübeck, Rostock, Stralsund und Riga vertreten sind war eine Folge ihrer einstigen Macht. Ganz anders waren da die Residenzstädte.

Schwerin und Neustrelitz blieben vom Geist der frühbürgerlichen Bewegungen ziemlich unberührt, sie hingen viel stärker vom Hof ab. So besitzt Schwerin heute nur eine große mittelalterliche Kirche, den beeindruckenden Dom Sankt Marien und Johannes Evangelist.“ (In: Mecklenburg-Vorpommern, Fritz Dressler, Walter Kempowski, Jürgen Borchert, Otto Emersleben, München 2001, S. 35f.).

„In Wismar werfen die Kirchen/ wie rote Berge auf ..“, so schwärmt der
Dortmunder Kunstschriftsteller Fritz Mielert in seinem Niedersachsen-
buch" 1922. Wir zitierten den zutreffenden und schönen Satz bereits zu
Beginn unseres Buches. Mielerts Euphorie beim Anblick der alten Kirchen
Wismars ist ohne falschen Zug und ganz ehrlich, wie mir scheinen will. Das
hat auch Johannes Gillhoff, der Vater des "Jürnjakob Swehn", so empfunden,
als er 1925 mit der Herausgabe der "Mecklenburgischen Monatshefte"
begann und Mielert dafür um einen Aufsatz bat. Der wählte den Titel sei-
nes Gedichts als Überschrift und gab auf vier knappen, atmosphärisch dichten
Seiten seiner Liebe zu Wismars "roten Bergen" kenntnisreichen Ausdruck.
Als Fritz Mielert Wismar sah, war St. Marien und der sie umgebende
Raum noch unbeschädigt erhalten. Von den drei großen Kirchen meint er:
"Sie haben etwas Riesenmäßiges, diese Gigantenstümpfe", und "nichts aus
dem Regelbuch der Architekur". "Sankt Maria ist eine frauenfeine Riesin.
Der Turm stolz erhoben wie ein königliches Haupt, der Leib schlank und
edel, die Strebbögen steif gespreizt. So steht sie mittendrin in den Häusern
der Stadt [...]". Das ist eine sehr genaue Beobachtung. Der gewaltige Koloß
aus Ziegelmauerwerk steht im Kranz der die Kirche umgebenden Gassen
und Häuser der engen Altstadt wirklich wie eine unangreifbare Riesin da,
und wenn auch die Bomben dem königlichen Bauwerk schwerste Wunden
schlugen, so warfen sie es doch nicht gänzlich nieder. Dies geschah erst
durch anmaßenden Frevel kleiner Geister, die, wenn sie schon religiöse
Gedanken weit von sich wiesen, nicht einmal die Toleranz besaßen, den
unersetzlichen Kunstwert der Halbruine zu achten. So gaben sie den Befehl
zur Sprengung im August 1960, auf die später noch genauer einzugehen ist.
Nur der Turm steht noch "mittendrin". Pläne für einen Wiederaufbau in
alter Form müssen als undurchführbar gelten - es würde ja bedeuten, eine
ganze gotische Kirche von Grund auf neu zu errichten. Schon der Wieder-
aufbau von St. Georgen, die wir gleich anschließend besuchen, stellt uns vor
schier unüberwindlich erscheinende Probleme, obwohl doch hier ein gro-
ßer Teil der ursprünglichen Substanz erhalten blieb.
Ausgerechnet der letzte der fünfzehn Bombenangriffe, die Wismar von
1940 bis 1945 erdulden mußte, und der frevelhafte Abriß der Reste 1960161
schufen die kahle Weite des Platzes, die heute den einsam ragenden Turm
so anklagend umgibt. Einsam: ja, indes nicht schweigend. Wenn es Wun-
der gibt, so ist dieses eins: Das herrliche, zwölf Glocken umfassende Geläut
blieb erhalten.
Die älteste der Glocken stammt vom Ende des 14. Jahrhunderts, hängt
also seit 600 Jahren im Marienturm; ihr Gießer ist unbekannt. Die größte
mit einem Gewicht von fünf Tonnen und einem Durchmesser von zwei
Metern goß Harmen Pasmann aus Lübeck im Jahre 1 567. Diese Glocke gilt
als sein Meisterwerk, er verlieh ihr durch seine Kunst einen b-Ton von
"orgelartiger Fülle", schreibt ein Kenner (C. Peters) 1994 in den " Wisma-
rer Beiträgen". Jahrhunderte hindurch wurden die Glocken von Sankt Ma-
rien auch als Glockenspiel genutzt. Über ein halbes Jahrhundert allerdings
schwieg es, bis es 1982 nach der Rekonstruktion des Turmes wieder in-
standgesetzt und mit einem Repertoire von 14 Chorälen ausgestattet wur-
de. So lebt die große Harmonie dieser Kirche wenigstens in ihrer Stimme
fort.
Jeden fühlenden Menschen rührt immer noch das Namenlose an, wenn
er aus der Schlucht der Sargmacherstraße auf den Freiraum tritt, den einst
die Kirche umschloß. Vielleicht, im kommenden Jahrhundert, wird hier ir-
gend etwas Neues entstehen. Schon bewegen die Architekten Modelle in
ihren Herzen und Köpfen, eine Innenhofanlage vielleicht, einen nach oben
offenen, klösterlich stillen Raum aus Stein, schmucklos und weiß, eine
spannungsvolle Begegnung des 21. Jahrhunderts mit dem Mittelalter -
warum nicht? Leer muß dieser Platz nicht bleiben, und daß er leer blieb,
bisher, umgreift auch Hoffnung auf die Überwindung der Trauer. Übrigens
haben jahrhundertelang auch Türmer auf Sankt Marien gehaust, waren
damit beschäftigt, auf Feind und Feurio zu achten. Erst 1919 erlosch
das Amt. Sein letzter Verweser hieß Theodor Schmidt. Der hatte dort
oben einen Ausblick! Die Stadt lag ihm vor Augen wie ein exakt gezeichneter
Plan, und über die Insel Poel unten in der Bucht hinweg sah er die freie
See, sah die Gewitter heranziehen, die sich krachend auf den Bau
warfen und den Turm im Verlaufe seiner Geschichte auch mehrmals
empfindlich trafen, sah auch nach Süden und Osten zu die alleengesäumten
Straßen ins Land laufen, sah Mecklenburgs Hügel Welle um
Welle sich reihen wie ein erstarrtes Meer."
(Was ich von Wismar weiß, Hinstorff, Rostock, 2000, Seite 59ff.).

E. Daenell (1872-1921)

„Wie die Sprache den Geist der Hanse charakterisiert, so tut er auch die Eigenart der öffentlichen Bauten des von ihr beeinflußten oder beherrschten Gebiets. Es sind vor allem die Kirchen des Backsteinbaues, in denen er auf diesem Gebiet zu sprechendem Ausdruck gelangt. Es sind  Bauten von nicht selten gewaltigen Raumverhältnissen, mit kühner Überhöhung der Seitenschiffe durch das Mittelschiff, wie die Marienkirchen in Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Stargard in Pommern, die Nikolaikirchen in Stralsund und Lüneburg, die Elisabethkirche in Breslau u. a. m. Häufiger jedoch verzichten sie auf die dem gotischen Stil eigentümliche Höhenrichtung zugunsten einer annähernden oder gänzlichen Gleichmäßigkeit in der Höhe der Schiffe. Aber die Massenhaftigkeit kommt dadurch in diesen sogenannten Hallenkirchen  mehr zur Geltung und auch eine gewisse Eintönigkeit trotz der oft großen Schönheit und Harmonie der Raumverhältnisse und des nicht selten reichen architektonischen Schmucks der Flächen. Bauten dieser Gruppe sind vor anderen die Katharinenkirche im märkischen Brandenburg, die Marienkirche in Prenzlau, Dom und Marienkirche in Stendal, Jacobikirche in Stettin und die großen Marienkirchen in Kolberg und besonders Danzig. Kraft und Gediegenheit, klarer Überblick, ernste Sammlung und ruhige Würde sprechen vernehmlich aus den hansischen Backsteinbauten. Sie sind nach Springers Urteil das selbständigste, was die deutsche Baukunst überhaupt geschaffen hat.

In ihren Bauten und ihrer Sprache, in ihrer  Regierung und Verfassung, in ihrer Stellung in der Heimat und in ihrer Politik im Auslande kommt das Wesen der Hanse  zum Ausdruck. Vergegenwärtigt man sich rückschauend dies Jahrhundert ihrer Blütezeit, die vielen, so oft sich kreuzenden und hemmenden Interessen ihrer Mitglieder, die Lockerheit der ganzen Verbindung, die Einflüsse in der Heimat, die als Feindschaft der Fürsten und Unruhigen der Gemeinden häufigen zwang sie ausübten, und wie sie dennoch sich in Ansehen behauptete, im Auslande zum Teil glänzende Erfolge errang und im wesentlichen nichts einbüßte, wie sie zugleich ihrer zahlreichen Verbindung eine im ganzen nicht schlecht funktionierende Verfassung schuf und durch die Ausbildung eines vielseitigen Systems Handels- und schifffahrtspolitischer Verordnungen den Ihrigen die gemeinsamen Grundfragen ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit zum Bewußtsein brachte, gegen fremde Konkurrenten aber wirksame Kampfmittel herstellte, - erwägt man all dies, so wird man die Blütezeit der deutschen Hanse getrost als  die erfreulichste Erscheinung in der deutschen Geschichte des Mittelalters bezeichnen  dürfen.“ (Die Blütezeit der deutschen Hanse, II. Band, Berlin 1906, S. 536 f.).

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Paul Fechter (1880-1958)

„Wismar ist heute eine enge, friedliche, kleine See- und Handelsstadt; Rostock ist eine belebte Großstadt neben seiner Stille. Aber über diesen kleinen Stadt liegt schon die ganz feierliche Größe des Ostens; die erste große Formung der deutschen östlichen Welt ist hier gelungen.  Brügge mit seinem zierlichen Reichtum ist die alte gotische, kulturvolle Stadt des Westens, Wismar ist sein östlich-gotisches, härters, größeres Gegenspiel, eine Fischer-  und Schifferstadt, über der die dunkle Majestät einer Stadt von alten Königen schwebt. Reizendes Kleinstadtleben ist über ihrem Marktplatz mit dem Rathaus und den alten Giebelhäusern; es riecht nach Teer und Fischen, und bei Uhle, der Filiale des altberühmten Schweriner Weinhauses, wird man so gut verpflegt wie in allen Ostseestädten bis Riga und Stockholm. Vor den Kirchen aber bekommt man noch heute ein leises, schauderndes Gefühl von der Glaubens- und Schaffenskraft des Volkes, das diese Städte baute – wenn es sich einmal aufgemacht hatte, sein Schicksal und seinen Glauben weiterzutragen in die Weite der Welt.“
(Deutschland, S. 61, zitiert nach: Albrecht, Dietmar, Literaturreisen Barlach in Wedel, Hamburg, Ratzeburg und Güstrow, 1990, S.127).
 


Sella Hasse ( 1878-1963)

Nacht um die Dome (in Wismar)

„Die Dominante „Backsteingotik“ gibt noch immer, wie vor vielen Jahrhunderten, der Stadt Charakter und Würde. Ein unermeßliches, nicht mehr errechenbares Viel von Ziegelsteinen ist hier in wundervoller Gesetzmäßigkeit gehäuft und gestapelt zu drei gotischen Hochkirchen, die gegenüber dem bescheidenen Kleinhausgewirr etwas Überwältigendes bieten. Tagtäglich, Jahr aus und ein, umwandert man mit Blicken dieses Ziegelkolosse, tastet die Schönheiten ihrer glasierten Fialen, Wimperge, und ihre nordischderben Groteskfriese ab. Sieht sie von der Wasserseite ragen, sieht sie buntrotziegelfarbig  die kleinen Häusergiebel an der Schulter fast erdrücken. Sieht den Pomp und die Pracht, das abwechselvolle Belebte der Ziegelflächen. Weiß, dass das  alles dieser Scholle Erde abgerungen, dieser Lehmerde, und durch Tausende fleißiger Hände mit den  einfachsten handwerklichen Mitteln zustande gebracht wurde. Weiß, dass es starknervige kühnschöpfende Baumeister  vom Schlage unseres heutigen Hamburger Höger waren, die gerecht des christlichen Dogmas ihre Grundrisse aufzeichneten und den armseligen gebrannten Ziegel aller Erdenschwere entfernt zum Himmel empor wölbte.
Auch das Innere der Wismarschen Dome gleißt in aufgetünchtem Rot von Einzelziegeln. Nur überwindend vermag sich das Auge zur Gesamtpracht empor zu reißen. Tausendfältiges, vom Tageslicht zu sehr erfaßt, beunruhigt und man wünscht sich die Patina vieler Jahrhunderte darüber.
Erst die alles zur Größe umfassende Dämmerung, ja das barmherzige Dunkel der Nacht vermag erst letzte Größe und Weite dieser Kathedralen zu lösen. Nähert man sich am Abend von der Sargmacher Straße kommend St. Marien, so wird jedes Menschen Blick unwillkürlich hinaufgerissen zu den wie schützend Arme aufgestemmten Schwebebogen, die den kleinen Turm aufrechterhalten. Dahinter verschmilzt in die Silhouette der Dachreiter und endlich der Wipfel des Marienturmes mit seinem Halbrunddach des Glockenstuhles.
In die Höhlen seiner drei großen Glocken konnte man noch am späten Abend sehen. – Aus Freude über die 700-Jahr-Feier de4r Stadt hatte man den Koloß an drei Abenden durch Scheinwerfer beleuchtet. Ein neues seltsames Bild, wie er, der Altbekannte, Vertraute plötzlich in einer nie zuvor gekannten Pracht von all überall aus dem Dunkel der Nacht herausblickte. Und hinter ihm stand im grünlichen Silberglanz lächelnd der Vollmond mit seinem zufriedensten Gesicht.
Das Fest ist verklungen. Um die Dome glitzern nur noch die Sterne.  – Oder die schwärzlichen Wolken mit schwefellichfahler Umsäumung erjagen und zerschlagen sich hinter den Wahrzeichen einer alten Zeit. Immer rarer und kostbarer werden die lindenduftgetragenen Spätsommerabende.
Umschreitet man zu später Stunde St. Marien, so raschelt und säuselt es gespenstisch. Ist es das Laub? Manchen Abend pfeifen schon frostige Winde um die Streben, verfangen sich in den Nischen tiefster Schwärze. – Es rauchen wie Meeresbrausen  die Bäume.
Bei dem Archidiakonatshause zuckt die einzige Laterne, an der Ecke eines Strebepfeilers. Gespenstisch und dürftig erhellt sie ein Stück Pfeiler und Wand, liebkost zernarbtes Gestein.
Überall ist Enge, der Blick kann sich nicht weiten, es sei denn, dass man immer wieder hinauf, an den Strebebogen und Wimpergen vorbei und weiter hinauf bis zum Helm des massigen Turmes in die Unendlichkeit des Himmels emporblickt.
Stehen in Tageshelle die Gottesburgen wie Triumpffesten noch immer stolz, wenn auch verstaubt und gerunt da, wie: „Das haben wir Menschen fertig gebracht!“, so hat die nacht, die alles Kleine von sich streift, die alle Massen kubisch vereint und in Spitzen und Pfeilen zum dunklen Äther emporreckt, nur den einen Dienst: Empor zu streben. – Manchmal ist der Eindruck so, als ringen steingewordene Gigantenarme mit verkrampften Fingern sich in die Unendlichkeit: „Wir sind nichts und unser Tun ist nichts im All.“ – Eine Inbrunst  der Mystik, eine hinreißende Religiosität haben die alten Architekten durch Steinanordnungen Ausdruck zu verleihen gewußt, die intensiv, der Ausdruck ihrer Zeit war.
Der Weg von dem Archidiakonatshause an den alten Gehöften der Pastorate bis zum Schmuckkasten einer gotischen Schulmeisterei ist eng und wie verbaut. Unheimlich steht noch vollends die Sühnekapelle Maria zur Weiden am Fuße des gewaltigen, nach unten weit ausladenden Marien-Turmes. Wie eine hingesunkene Büßerin vor der Macht und Gewalt der Kirche.
Noch immer lebt die zeit in dieser seltsamen Küstenstadt von der Gotik. Sie herrscht noch heute um den Kirchhof von St. Marien. – Und nur wenige Schritte , vorbei an der unwahrscheinlichsten Renaissancefassade Italiens mit niederländischem Groteskübermut und unser Auge ist schon wieder hinaufgerichtet und verfangen in dem Bekrönungswerk der Sakristei von St. Georgen Der rauhe Küstensturm fegt in das zarte Glasurgitterwerk der Türmchen, die wie ein Wunder, allen Stürmen von sechs Jahrhunderten standgehalten haben. Nur wenige  Schritte und schwacher Lichtschein vergoldet von innen die hohen Domfenster. In Spitzbogenlinien leuchtet und wölbt es sich im Raum und tastet um Pfeiler des Mittelschiffes. Das Pianissimo eines Orgelsolos dringt zart  in das nächtliche Windgetön. – Das licht wird kleiner und feiner. Endlich ist es schwarze Nacht auch in St. Jürgen. Nur außen, am Eckpfosten eines Strebepfeilers, leuchtet dieselbe liebe, alte Gaslaterne, am schmiedeisernen Dreieckarm, wie bei St. Marien.
Hier und da winkt aus kleinen Fenstern ein gelbes oder rotes warmes Licht. Es ist Adventszeit.“ (Sonderdruck aus den „Mecklenburgischen Monatsheften“, Sondernummer  „Die Seestadt Wismar“, Oktober 1929).

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Marie-Luise Henry
 

"Herr Ministerpräsident, ich beschwöre Sie, Ihre Hand über diesen Bau zu halten. Wehren Sie von der Deutschen Demokratischen Republik ( ... ) die Schande ab, ohne Not ihre anvertrauten Kulturdenkmäler zerstört oder gefährdet zu haben. Ein Volk, das nicht entschlossen ist, mit letzter Kraft sein kulturelles, historisches und geistiges Erbe zu bewahren, ist nicht wert, ein solches zu
besitzen."
(Frau Professorin Henry  in einem Brief am 16. August 1960 an den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl .... zitiert aus: "Aus den Augen, aus dem Sinn", Georg M. Diederich, Edition Temmen, Rostock 1997, Seite 10).



Theodor Heuss (1884-1963)

Über die Backsteingotik in Mecklenburg (1920)

„Die paar Schritte zwischen St. Marien und St. Jürgen (St. Georgen) in Wismar  - das ist eine andere Welt.... Wo noch sind auf zweihundert Meter so gewaltige Dome zusammengedrängt, Zeugnisse überquellender bürgerlicher Kraft und stolzer Frömmigkeit...- ich kenne nur Gent, das inmitten strömender städtischer Geschäftigkeit ähnlich stolze Dokumente nachbarschaftlich häufte. Die ungeschlachten Massen des Güstrower Domes, die wunderbare Reinheit des Domes von Doberan – es ist allerhand Geschichte über das Land gegangen,.... dazwischen reden die Steine der Vergangenheit ihre eigene verhaltene Sprache....Aber der Tonfall der großen Ziegelgotik ist anderer Art, er hat etwas Heroisches. An der Küste und in ihrer Nähe ist es stärker zu vernehmen als im Innenland. Denn, um Neubrandenburg im Gedächtnis aufleben zu lassen; es hat zwar Belagerung  und Kriegsungemach genug erlitten in den Jahren, da Wallenstein, da die Schweden im Lande saßen, aber sein Gesicht ist völlig unheroisch. Trotz der wehrhaften Tore, die in ihrem zieren gotischen Schmuckwerk fast Kokettes besitzen, trotz der fast unversehrten klobigen Stadtmauer, an die, entzückend in der perspektivischen Folge, die Weichhäuser wie Nester geklebt sind...Über Wismar aber hängt die Ahnung alter Größe.... Der Turm der Marienkirche, quadratisch in hohen Geschossen bis zu achtzig Meter aus der Westwand hinaufwachsend, hat eine eindrückende Wucht.... Die Kirchen dieser Stadt, von Verputz innen gereinigt geben eine gute Vorstellung dessen, was die Ziegelgotik in ihrem höchsten Wollen der Materialbefreiung geleistet hat, der Innenraum von St. Nikolai hat in seiner steilen Geschlossenheit nichts seinesgleichen... Die Profile der Säulen mit Kanten und Diensten sind teilweise, wie etwa in Schwerin, gradezu erfinderisch durchgebildet – der Ziegel will in nichts dem Sandstein zurückbleiben... Es ist wunderbar, wie sich der rote Ziegel in der Abendsonne von seiner Masse befreit und zu einem Träger freudigen Lichts sich wandelt..
 

Ricarda Huch (1864-1947)
 

Über das Baumaterial

„Da die Küste keinen Haustein lieferte, baute man mit Backsteinen, deren rötlich-violette Glutfarbe für den fehlenden Zierat aufkommt.“

Gast in Wismar

„Mehr als die Daten der Geschichte verraten uns Wismars Bauten über sein Schicksal. Gewaltig ragen die drei Hauptkirchen aus der Stadt empor, St. Marien  und St. Georg in der Nähe des Marktes, St. Nikolaus am Hafen, dem Patron der Schiffer geweiht. Herausfordernd hingeworfen, wie um sich untereinander und alle Kirchen der Nachbarorte zu übertrumpfen, deutet ihr Übermaß um so mehr auf unbeherrschten Übermut, als Wismars Reichtum und Stellung so stolzen Plänen nicht entsprach. Sie erwecken den Gedanken an sagenhafte Städte, deren Bewohner frevelmütig ihre Straßen mit Gold deckten, bis der Zorn Gottes sie schlug und in Berg oder Meer versenkte: Turm und Chor der Ratskirche St. Marien beherrschen den Markt, obwohl sie etwas abseits davon liegt. Umgeben von der malerischen Gruppe der Pfarrei und anderen alten Bauten, tritt der gotische Backsteinbau dem Näherkommenden überraschend entgegen. Seine Einfachheit bei allem Zierat farbiger Glanzziegel, Bänder und Filalen macht, dass die architonische Idee packend und interessant, wie das Skelett eines riesigen Urgeschöpfes hervortritt. Vom Markt aus muten die auf den Chor gestützten Strebepfeiler an wie die Beine einer versteinerten Riesenspinne. Wohltuend ist die sanftglühende Farbe des Backsteins im Innern, das dadurch, trotz der großen Verhältnisse, nicht kalt und leer wirkt.“ (Lebensbilder Mecklenburgischer Städte, 1930/1931, S. 120f.).

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