OSTSEE-ZEITUNG.DE
ISBN: 3-87890-102-1
Freitag, 31. März 2006  |  Wismar und Umgebung

Schatten über St. Marien

Am 12. April stellt André Jortzik sein Buch „Schatten über St. Marien - Wismar 1945 bis 1960“ vor. Die Lesung im Mältzhaus ist seit Tagen ausverkauft. Das Buch entstand in Gemeinschaftsarbeit mit der OZ und dem Buchhandel Weiland. Die OZ druckt heute die 5. und damit letzte Passage ab.

5. Vorabdruck

Juliane verabschiedete sich mit einem flüchtigen Kuss von Heiner, der jetzt im VEB Press- und Schmiedewerk Hein Fink in der Kanalstraße als Kraftfahrer schaffte. Sie lief eilig an der Ruine von Sankt Marien vorbei, ihr Weg führte zum neuen Verwaltungsgebäude in der Stalinstraße, hier richtete die Werft ein geräumiges Büro als so genannte Projektionsabteilung ein. Irgendwann im Laufe des Jahres 1952 kam man dahinter, dass Juliane Schmidt während des Krieges bei Dornier in einer ähnlichen Abteilung tätig war. Da man seinerzeit händeringend nach versierten Konstruktionszeichnern fahndete, lag es nahe, die Kollegin Schmidt dorthin zu versetzen.

Das setzte allerdings eine „Weiterbildung“ in Dresden voraus, wo den Eleven allerdings weniger Zeichentechnik als vielmehr „Parteilatein“ eingebläut wurde. Wieder in Wismar fand sich Juliane gemeinsam mit ihrer früheren Kollegin Magdalena Härtel unter der Rigide des Genossen Friedrich Paulsen als ausgesprochen gut bezahlte Projektionszeichnerin wieder. Hier wurden die umfangreichen Konstruktionspläne des weltweit berühmten Eisbrechers Krassin aus dem englischen Original ins metrische Maßsystem übertragen. Wismars Werft war nämlich der Auftrag erteilt worden, das betagte 10000 BRT schwere Rettungsschiff der 1928 mit einem Zeppelin verunglückten Nobile-Nordpol-Expedition von Grund auf neu aufzubauen; ein gigantisches Projekt.

So überarbeitete Juliane gemeinsam mit der nach wie vor geschwätzigen Magda die vergilbten Original-Planungsunterlagen der englischen Werft W.G. Armstrong, Whitworth & Co Ltd in Newcastle. Ein Großteil davon musste, um Missverständnissen vorzubeugen, schlicht und einfach neu gezeichnet werden. Dazu wurden auch Praktikanten aus der Ingenieurhochschule herangezogen, so dass Juliane sozusagen als stellvertretende Bürovorsteherin fungierte. Dasselbe aber auch bloß, weil der eigentliche Chef Paulsen, nebenbei auch in der Betriebsgewerkschaftsleitung und als Parteisekretär, ständig wegen irgendwelchen Parteidingen beziehungsweise Gewerkschaftsangelegenheiten auf Achse war. Den Frauen und Praktikanten war es mehr als recht, den überschwänglichen Lobeshymnen auf Sozialismus und die ruhmreiche Sowjetunion nicht ständig lauschen zu müssen.

(Aus Kapitel „Wismar - Tage im Juni 1953“)
 

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