OSTSEE-ZEITUNG.DE
ISBN: 3-87890-102-1
Donnerstag, 30. März 2006  |  Wismar und Umgebung

Schatten über St. Marien

Am 12. April stellt André Jortzik um 19.30 Uhr im Mältzhaus, Mecklenburger Straße 22, sein neues Buch „Schatten über St. Marien – Wismar 1945 bis 1960“ vor. Das Buch entstand in Gemeinschaftsarbeit mit der OSTSEE-ZEITUNG und Buchhandlung Weiland. Der Autor berichtet in diesem Buch über die Nachkriegszeit 1945/46, die 50er-Jahre und über die Sprengung des Kirchenschiffs der Marienkirche im August 1960. Die OZ druckt noch bis morgen Passagen ab.

4. Vorabdruck

Zimmerling schüttelte sich erneut fröstelnd. Juliane musterte ihn verständnislos. Sie konnte sich keinen rechten Reim aus den Reibereien zwischen den angeblich so einträchtigen antifaschistischen Blockparteien machen. Zimmerling räusperte sich. „Entschuldige, Fräulein Juliane, ich schweife ab.“ Er beugte sich zur Seite und öffnete eine Schublade nach der anderen. Juliane hörte ihn leise fluchen, wo denn der „Wisch“ wohl nun geblieben sei. Endlich fingerte August einen Brief aus der untersten Schublade. „Hier ist er ja!“, meinte er befriedigt. Dann fixierte Zimmerling die vor ihm sitzende Juliane, zwinkerte vertraulich und hob an zu sprechen: „Du warst doch bei Dornier in der Projektionsabteilung bei Dr. Richter tätig?“ Hastiges Nicken. „Und in weitestem Sinne war doch Dornier-Nord eine Flugzeugwerft.“ Wieder Nicken. „Kannst du mit Schreibmaschinen umgehen?“

Juliane entgegnete, dass sie noch in Berlin auf der Mädchenschule mit solchen Gerätschaften vertraut gemacht wurde. „Es ist aber so lange her, ich weiß gar nicht mehr, ob ich es noch beherrsche!“, bekannte sie offen. Zimmerling winkte ab: „Was man einmal kann, das verlernt man nicht. Zur Sache: Du weißt, dass es in der Ostsee seit dem Kriegsende von Schiffswracks nur so wimmelt. Ein Großteil der Schiffe kann aber gehoben werden, nur mit Möglichkeiten zur Reparatur hapert es. Unsere russischen Freunde wollten sie sich als legitime Kriegsbeute unter den Nagel reißen. Dann gab's aber einen Riesenzoff mit der einzig verfügbaren Reparaturwerft in Stettin. Dort sitzen, dank des Verhandlungsgeschickes des unfehlbaren Genossen Stalin in Potsdam, nun aber die Polen. Die bestehen darauf, dass auf ihrer Werft wiederhergestellte Schiffe nur unter der weiß-roten Flagge Polens fahren dürfen. Das passt freilich den Sowjets absolut nicht, die wollen die Beute ja für sich. Man hielt also Ausschau nach einem geeigneten Werftenstandort und kam auf dreimal darfst du raten...“ Es gehörte nicht viel Scharfsinn dazu: „Wismar?“ - „Richtig. Außerdem kann man die hier geleisteten Instandsetzungen prima als Reparation absetzen. Da erfreut sich das Sowjetherz“, fügte Zimmerling sarkastisch hinzu. Seine Abneigung gegen die russischen Machthaber war unüberhörbar. Er fuhr fort: „Sei es wie es sei. Wenn hier eine große Werft errichtet wird, dann ist meine Behörde überflüssig. Die Menschen lechzen geradezu nach geregelter Arbeit und das ist eine kolossale Aufgabe. Nebenher, dort Beschäftigte sollen allesamt die Schwerstabeiterkarte zugewiesen bekommen!“ Julianes Augen leuchteten unwillkürlich auf: Schwerstarbeiterkarte, das verhieß die höchsten Lebensmittelrationen im Lande, sie könnte damit sogar Gertrude und Onkel Armin unterstützen! „Meinst du, meinen Sie, dass man mich auch dort einstellen würde, mit SK natürlich?“, hakte Juliane ungläubig nach. Salopp wies Zimmerling auf den Brief. „Ich habe dich guten Gewissens empfohlen“, meinte er trocken. Er fügte hinzu, dass noch im zeitigen Frühjahr Spezialisten aus Stettin in Wismar eintreffen würden. „Die wissen, wo es langgeht, wurden dort, weil sie Deutsche waren, allesamt rausgeschmissen! Hier ist das Empfehlungsschreiben. Deinen künftigen Chef, Herrn Penning, habe ich fernmündlich vororientiert“, verabschiedete Zimmerling seine alte Bekannte mit einem ironisch angedeuteten Handkuss.

Dieser Bescheid in Julianes Hand eröffnete ihr eine neue, bessere Zukunft. Es handelte sich wirklich um eine neue Anstellung in einer Art Reparaturwerft, obwohl es so etwas in Wismar nirgendwo gab. Schon seit Januar aber munkelten die Leute etwas von einer bestimmten Werftbrigade, die, aus dem jetzt polnischen Stettin vertrieben, ein neues Wirkungsfeld ergründete. Doch so recht vermochte sich niemand vorzustellen, dass in der Seestadt Wismar eine große Werft entstehen sollte. (Aus Kapitel „Wismar-Aufbruch“)
 
 

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