OSTSEE-ZEITUNG.DE
ISBN: 3-87890-102-1
Wochenendausgabe, 25. März 2006  |  Titelseite

Geschichte wird lebendig

Am 12. April stellt André Jortzik um 19.30 Uhr im Mältzhaus, Mecklenburger Straße 22, sein neues Buch „Schatten über St. Marien – Wismar 1945 bis 1960“ vor. Das Buch entstand in Gemeinschaftsarbeit mit der OSTSEE-ZEITUNG und der Buchhandlung Weiland und ist seit gestern im Handel.

Wismar Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2005 erschien der erste Teil „Nacht über St. Marien“, in dem unter anderem der Bombenangriff auf das Gotische Viertel beschrieben wird. OZ sprach vorab mit Autor André Jortzik und Herausgeber Volker Stein.

OZ: Warum haben Sie einen zweiten Teil von St. Marien geschrieben?

Jortzik: Eine Fortsetzung war von mir ursprünglich nicht geplant, aber bereits eine Woche nach Erscheinen des ersten Bandes, der mittlerweile in der 6. Auflage vorliegt, gab es viele positive Reaktionen und vor allem stellte sich für viele Leser die Frage, wie es der Hauptfigur Juliane Schmidt weiterhin ergeht. Folglich musste ich weiter schreiben. Das Buch beinhaltet allerdings in der Nachkriegszeit mit der Figur der „Tante Gertrude“ ein unfassbar tragisches Schicksal. Etliche Wochen benötigte ich allein für diese Begebenheit und erwog zeitweise, die Episode ganz zu streichen. Aber sie beruht leider auf wahren Erlebnissen. So hoffe ich, dieser Frau ein bleibendes Andenken bewahrt zu haben.

OZ: Gab es Schwierigkeiten bei der Recherche?

Jortzik: Erstaunlicherweise waren die Recherchen sehr viel schwieriger, als beim ersten Teil, der bekanntlich den Zweiten Weltkrieg zum Inhalt hat. Über die nun beschriebene unmittelbare Nachkriegszeit war ich aufgrund des vorangegangenen Romans noch gut im Bilde, da ich relevante Informationen schon für Teil I gesammelt hatte. Kompliziert wurde die Abhandlung der DDR-Zeit. Es gibt kaum Fach-Publikationen, die ohne Ideologie in die eine oder andere Richtung auskommen. Nachhaltig genützt haben natürlich Interviews mit Zeitzeugen. Als wahre Schätze erwiesen sich auch zeitgenössische Publikationen der SED selbst, die mir aus Privathand zur Verfügung standen. Da ich ein Kind der DDR bin, konnte ich die Quellen recht gut interpretieren und zwischen den Zeilen Wichtiges heraus lesen.

Volker Stein: Man muss betonen, dass es sich auch beim zweiten Teil nicht um ein Sachbuch, sondern um einen spannenden und unterhaltsamen Roman handelt, wenn auch mit gewohnt dokumentarischem Charakter. Deshalb haben wir auch Fotos aus dem Wismar der 50er-Jahre eingebunden, z. B. Innenaufnahmen vom damals beliebten Tanzlokal „Zur Sonne“, oder auch dem damals neu gebauten Hochhaus in Wendorf. Namen von handelnden Personen wurden, wie auch schon bei „Nacht über St. Marien“, verändert, weil es uns nicht um nachträgliche Schuldzuweisungen und Verunglimpfung geht.

OZ: Die Sprengung des Kirchenschiffs von St. Marien behandelt nur ein Teil des Buches. Werden sich hieran einige Leser des Buches stören?

Volker Stein: Ja, schon als die OSTSEE-ZEITUNG Teil II ankündigte und bevor André Jortzik überhaupt den ersten Absatz niederschrieb, bekamen wir bereits gewisse anonyme Anrufe. Im Anhang des Buches wurde ein Briefwechsel von Herrn Dr. Jürgen Gundlach mit den seinerzeitigen SED-Organen abgedruckt. Dr. Gundlach war im Jahre 1960 einer der wenigen aktiven Gegner der Sprengung. Aus diesem Briefwechsel kann jeder Leser für sich selbst Schlüsse ziehen.

OZ: Können Sie die Menschen verstehen, die damals im Jahre 1960 andere Sorgen hatten, als sich für den Erhalt der Marienkirche stark zu machen?

Jortzik: Selbstverständlich. Die Zeit der Lebensmittelrationierung über Marken war gerade vorbei, die Versorgungslage blieb aber für heutige Verhältnisse kaum vorstellbar. Viele wohnten unter bescheidensten Bedingungen, in notdürftig hergerichteten Garagen. Nun machen Sie mal einem hart arbeitenden Werftarbeiter, womöglich mit Familie, plausibel, dass eine halbzerstörte Kirche wichtiger als eine geräumige Wohnung im damaligen Neubaugebiet Wendorf sei. Die Frage, die ich mir dabei stelle, lautet, ob die Kirche wirklich gesprengt werden musste? Hätte man nicht bessere Zeiten abwarten und die Marienkirche unter vertretbarem Aufwand absichern können?

OZ: Wie war der Widerstand der Kirchenvertreter?

Jortzik: Widerstand gegen die Sprengung gab es von Einzelpersonen der Kirche. Insgesamt war die Verhandlungsposition der Kirche natürlich ziemlich schwach, man fügte sich demnach eher pragmatisch. Stärkeren Widerstand gab es dagegen von den Denkmalpflegern und sogar einzelnen couragierten Bürgern.

OZ: Was halten Sie von einem Wiederaufbau der Marienkirche?

Volker Stein: Für das Stadtensemble wäre das natürlich toll. Aber vorerst gibt es bei St. Georgen noch viel zu tun, die Finanzierung der Baumaßnahmen in den nächsten Jahren ist noch längst nicht gesichert.

Interview: PETER PREUSS
 
 
 
 
 
 

Der Wodorfer Maler Rolf Möller gestaltete den Umschlag für das Buch „Schatten über St. Marien“. OZ-Repro
 
 
 
 
 
 

zurück