OSTSEE-ZEITUNG.DE
ISBN: 3-87890-102-1
Montag, 27. März 2006  |  Lokalsport

Schatten über St. Marien

Am 12. April stellt Andre' Jortzik um 19.30 Uhr im Mältzhaus, Mecklenburger Straße 22, sein neues Buch „Schatten über St. Marien – Wismar 1945 bis 1960“ vor. Das Buch entstand in Gemeinschaftsarbeit mit der OSTSEE-ZEITUNG und Buchhandlung Weiland. Der Autor berichtet in diesem Buch über die Nachkriegszeit 1945/46, die 50er Jahre und über die Sprengung des Kirchenschiffs der Marienkirche im August 1960. Die OSTSEE-ZEITUNG druckt von heute bis Freitag exklusiv einige Passagen und Fotos ab.

1. Vorabdruck

Eine Frau blickte in den trüben Spiegel über dem emaillierten Waschbecken. Die Zeit hatte Spuren hinterlassen. Dunkle Ringe unter den Augen, zwei senkrechte Falten über der Nase gruben sich in die Stirn, dazu trug das braune Haar den grauen Schimmer der Reife. Achtunddreißig Jahre', sinnierte Juliane Schmidt betrübt, nicht nur aufgrund der unübersehbaren Furchen im Antlitz.

Die Entscheidung war nun endgültig gefallen - sie musste gehen. Es gab kein zurück. Nochmals betrachtete Juliane tiefsinnig ihr eigenes Spiegelbild, als ein frischer Luftzug ihr sorgsam gekämmtes Haar durcheinander wirbelte. „Jürgen! Mach das Fenster zu! Wie oft muss ich es dir noch sagen!“, schimpfte sie. „Mutti, die Presslufthämmer haben aufgehört! Bald sprengen sie!“, erklang eine etwas heisere Jungenstimme aus der Stube, die Wohnzimmer und Schlafstätte für zwei Menschen in sich vereinte. „Nun mach zu! Wir wollen los!“, rief Juliane mit Nachdruck, erhob sich, ergriff den braunen Reisekoffer. Sie hatte ihn gestern in aller Stille gepackt. Nur das Nötigste durfte mit. Gestern noch war sie bei ihrer Tante Gertrude im Kobow-Stift unweit des Turn-Platzes gewesen. Jene bestärkte sie in ihrem Vorhaben: „Geh, Kind! Gott selbst hat es dir beschert, gedenke nicht meiner, dein Weg ist es, den du gehen musst! Wir werden uns wieder sehen“, sprach Gertrude Eunert, ihrer Nichte liebevoll übers Haar streichend. Juliane fiel ihrer versehrten Tante schluchzend um den Hals. „Wie eine Mutter, danke für alles, Tante! Sobald ich kann, melde ich mich! Jürgen lässt auch grüßen“, sprach sie unter Tränen.

In diesem August 1960 lastete eine eigenartige Stimmung über Wismar. Nicht nur die drückende Sommerhitze während der Hundstage, auch der durch die Straßen der Innenstadt dröhnende Lärm war dafür verantwortlich. Rings um den historischen Stadtkern mit dem Ensemble der gotischen Kirchen standen rot-weiße Warnschilder, die vor eigenmächtigem Betreten der abgesperrten Areale warnten.

Ein Lautsprecherwagen wies die Einwohner Wismars wieder und wieder lautstark auf die bevorstehende Gefährdung hin. Streifen der Volkspolizei wachten allerorten unübersehbar auf die Einhaltung der administrativen Bestimmungen. Obwohl man sich alle Mühe gab, den Tageslauf eines alltäglichen Samstags zu wahren, es war anders. Gewichtigen Anteil daran hatten auch die unauffälligen Zivilisten, die argwöhnisch auf den Umgang mit Fotoapparaten oder sonstigen verdächtigen Geräten achteten, die ansonsten alltäglich, heute den Makel des Volksfeindlichen in sich trugen.

Juliane, ihren sperrigen Koffer in der rechten Hand, zwängte sich die enge Treppe zur Haustür in der Sargmacherstraße herab. Ein Sechzehnjähriger, ebenfalls mit einem betagten Rucksack ausgestattet, polterte mit fragendem Gesichtsausdruck hinterdrein. „Mutti, wenn wir nach Schwerin wollen, warum dieses ganze Zeug?“, murrte er verdrossen. Juliane biss sich auf die Unterlippe, sie durfte Jürgen nicht sagen, wohin die Reise in Wahrheit führte. Noch durfte sie nicht reden.

Vorsichtig öffnete sie die Haustür, grüne Uniformen mit silbernen Schulterstücken leuchteten in der Morgensonne. Ein baumlanger Oberleutnant der Volkspolizei musterte sie mit gerunzelter Stirn: „Bürgerin, es wird Zeit, dass Sie das gefährdete Areal räumen! Sie gefährden sich selbst und Sie gefährden die notwendigen Arbeiten zum Wohle der öffentlichen Sicherheit!“, tadelte er betont grimmig, wobei sein Lieblingswort der Begriff „gefährden“ zu sein schien. „Ist gut, Genosse, wir gehen ja schon!“, beschwichtigte Juliane mit erprobt betörendem Augenaufschlag.

„Los, Los!“, drängte der Volkspolizist, als Jürgen nochmals neugierig nach dem gewaltigen Kirchenschiff der Marienkirche äugte. Er konnte noch die grauen Klüfte der dort ameisenhaft wirkenden Arbeiter erkennen, dann zog ihn Juliane an der Hand in Richtung Marktpatz.

(Aus Kapitel „Wismar - August 1960“)
 
 

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