OSTSEE-ZEITUNG.DE
ISBN: 3-87890-102-1
Mittwoch, 29. März 2006  |  Wismar und Umgebung

Schatten über St. Marien

Am 12. April stellt André Jortzik um 19.30 Uhr im Mältzhaus, Mecklenburger Straße 22, sein neues Buch „Schatten über St. Marien – Wismar 1945 bis 1960“ vor. Das Buch entstand in Gemeinschaftsarbeit mit der OSTSEE- ZEITUNG und Buchhandlung Weiland. Der Autor berichtet in diesem Buch über die Nachkriegszeit 1945/46, die 50er-Jahre und über die Sprengung des Kirchenschiffs der Marienkirche im August 1960. Die OSTSEE-ZEITUNG druckt von heute bis Freitag exklusiv einige Passagen und Fotos ab.

3. Vorabdruck

Juliane strebte im dämmerigen Schneetreiben heimwärts. Sie ahnte noch nicht, dass ihre Jugend, alles, was ihr so viel bedeutete, an diesem schicksalsträchtigen Abend des dritten März im Jahre 1946 enden sollte. Ein unschuldiges Kind kreuzte ihren Weg. Der Wismarer Bahnhof war nicht weit entfernt, dieses durch zu große Kleidungsstücke unkenntliche gemachte Menschlein musste von dort entfleucht sein. Vielleicht ein Flüchtlingskind, das seine Mutter, von Eltern sprach man kaum, irgendwo verloren hatte. Ungläubig erspähte Juliane ein kleines Wesen, das verlassen am Bahnübergang Poeler Straße hockte. „Tante, Essen!“, rief es ununterbrochen. Juliane musterte das winzige Kind. Es war wie damals vor der Marienkirche. Auch seinerzeit hatte sie sich eines hilflosen Kindes angenommen, was mit dem schmerzlichen Verlust ihres Verlobten endete. Ein Omen? Ach nein, warum auch!? „Wer bist denn du?“, beugte sich Juliane zu dem bettelnden Kind herab. Genauso wie damals „Tante, Essen!“, wiederholte das Kind beharrlich. „Und wie heißt du?“ - „Essen!“ Mehr vermochte das hilflose Wesen augenscheinlich nicht in Worte zu fassen. Juliane betrachtete das Kind, es war höchstens zwei Jahre alt. „Wie ist denn dein Name?“, fragte sie erneut. „Essen!“ - „Kindchen“ Jetzt erst entdeckte Juliane das handgeschriebene Schild, wie es an der linken Brust des verschlissenen Jäckchens haftete. „Jürgen X aus Elblag/Elbing, Waisenhort IV“, stand dort zu lesen. Sie blickte zurück. Nur das Heulen des Sturms rings um sich, weiße Flocken stoben. Keine Menschenseele ließ sich an diesem Sonntagabend blicken. Dort aber kauerte ein kleines Kind, hilflos, unbehütet. Eine unwillkürliche Eingebung: „Möchtest du mit mir kommen, Jürgen?“ Mit furchtsamen Augen schaute der Junge auf die Frau vor sich. Dann ein sachtes Zunicken: „Essen geben, Tante!“ Juliane zog den gestrickten Handschuh aus, suchte in ihren Manteltaschen. In der Linken musste doch das winzige Tütchen Zucker von der heutigen Sonderzuteilung sein. Sie hatte es für die Eunertkinder aufgehoben. „Hier, kleiner Jürgen!“ Der winzige Jürgen betrachtete mit großen Augen das körnige Pulver, er schien so etwas lange nicht mehr gesehen zu haben. In der Ferne gellte der eindringliche Ton eines Martinshorns. „Kannst es essen! Schmeckt gut!“, redete Juliane dem zaudernden Jungen zu. Jener schien furchtbar hungrig zu sein, beide Händchen führte er zum Munde. Der Junge schien seinen Sinnen nicht zu trauen, diese weiße Masse schmeckte wunderbar. Sein dankbares Lächeln war Juliane Lohn genug. Nur, wohin jetzt mit dem Jungen? Es war Sonntag, da war jede örtliche Behörde geschlossen. Nein, nicht jede! Die Bahnhofsstation des Roten Kreuzes! Dort würde man sich um das Kind kümmern. „Komm mit mir!“, sprach Juliane entschlossen.

Vor wenigen Stunden war erneut ein Zug mit Ausgewiesenen aus dem jetzt polnischen Danzig eingefahren, in der provisorischen Bahnhofsmission des Deutschen Roten Kreuzes herrschte die blanke Not. Erschaudernd blickte Juliane um sich. Eine alte Frau wand sich in Krämpfen. Ein halbwüchsiges Mädchen mit langen Zöpfen, weiter links, erbrach sich röchelnd. Dazwischen Kinder, kaum älter als Julianes Schützling, der ihre Hand mit all seiner Kraft umklammerte. Hier in der Ecke kauerte ein teilnahmsloser Greis neben einer abgedeckten Totenbahre. Unter dem Tuch schauten zwei Beine mit schwarzen Damenschuhen hervor.

(Aus Kapitel „Schicksalstag“)
 
 

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