aus Ostseezeitung.de:
Christel Ros in der Ostsee-Zeitung am 15. April 2005 über die Buchlesung "Nacht über St. Marien"

60 Jahre nach Kriegsende ist ein Buch über die Bombardierung Wismars erschienen: " Nacht über St. Marien". Gestern wurde es vorgestellt.
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können gestern Abend im Zeughaus in der Ulmenstraße. Bevor der Wismarer Andre Jortzik mit der Lesung aus seinem Buch "Nacht über St. Marien" begann, wurden Bilder aus den Kriegstagen gezeigt. Bilder aus dem Privatarchiv von Detlef Schmidt, die zum Teil auch Eingang gefunden haben in das Buch. Beeindruckende, beklemmende Aufnahmen. Trümmer in der Altböterstraße, in der Mühlengrube, in der Böttcherstraße. Trümmer in der Schatterau. Trümmer überall. Ist überhaupt etwas unversehrt geblieben in Wismar nach den Bombardierungen?
Mehr als 130 Besucher waren ins Zeughaus gekommen, um diese Lesung mitzuerleben. Das Buch "Nacht über St. Marien" ist auf Initiative des Wismarer Weiland-Geschäftsführers Volker Stein entstanden. Er ermutigte Andre Jortzik, das Buch zu schreiben, fand in Rolf Möller einen bewährten Partner zur Gestaltung des Buches und in der Lokalredaktion der OSTSEE-ZEITUNG einen unentbehrlichen Partner, um dieses Vorhaben in die Öffentlichkeit zu tragen, damit es von der Öffentlichkeit getragen werden möge. Das ist offensichtlich gelungen. Ein Buch ist entstanden, das auf ganz besondere Weise an den Krieg erinnert und allen Opfern des Krieges gewidmet ist - egal, ob Mann, Frau oder Kind, ob Soldat oder Bauer, ob Franzose, Deutscher oder Russe. Und das 60 Jahre danach. Bürgerschaftspräsident Gerd Zielenkiewitz (SPD) sagte bei der Eröffnung der Buchlesung: "60 Jahre danach sind auch 60 Jahre Frieden." Das Eintrittsgeld zur Lesung ist für den Aufbau von St. Georgen bestimmt.
Angelika Bruhn vom Bs-Verlag-Rostock nannte dieses Buch ein "gelungenes Sittengemälde des untergehenden Nazireiches". Ein Gemälde, das sich rankt um die Liebe von Juliane und Werner. Eine Geschichte, in der Wahres und Fiktives verschmelzen. Wie die Erlebnisse eines achtjährigen Mädchens, das bei einem Angriff verschüttet wurde.
Dieses Mädchen gibt es wirklich. Es ist die heute 68 -jährige Renate Seiffert, geborene Schliemann. Sie war gestern mit ihrem Mann Dieter eigens aus Kassel angereist, um die Buchpräsentation mitzuerleben. Anfang der 60er-Jahre war sie weggegangen aus Wismar. Hat aber nie den Kontakt zu ihrer Heimatstadt verloren und war so auf das Buchprojekt aufmerksam geworden. Sie hatte Andre Jortzik angerufen und ihre Geschichte erzählt. "Wir wohnten damals in der Landessuperintendentur", erzählt Renate Seiffert. Nach dem Bombenangriff war das Haus so gut wie zerstört, "es sah genau so aus, wie es Herr Möller gemalt hat".
In nur einer Woche sind 300 Bücher verkauft worden. "Es ist bisher das meist verlangte Buch des Jahres", so Volker Stein. Die erste Auflage ist vergriffen, die zweite bereits eingetroffen.

Interview mit dem Herausgeber des Buches "Nacht über St. Marien", Herrn Stein:

OZ: Was können die Leser von "Nacht über St. Marien" erwarten?

Stein: Der erste Teil des Buches enthält einen dokumentarischen Roman des Wismarer Autors Andre Jortzik, der vielen Lesern sicherlich auch durch seine Bücher über die Poeler Kogge und Wismars Franzosenzeit bekannt ist. Der Roman spielt im Umfeld der Dornier Werke, deren Ansiedlung ja zunächst für die brachliegende Industrie Wismars ein Segen war, später aber auch ein wesentlicher Grund für die Luftangriffe. Im Anschluss folgen Fotoaufnahmen des zerstörten Wismars und Augenzeugenberichte. Auch die Fotos wollen wir bei der Lesung auf Leinwand zeigen.

OZ: Warum wurde das Buch ein dokumentarischer Roman?

Stein: Die wesentlichen im Buch geschilderten Abläufe entsprechen dem tatsächlichen Geschehen. Letztendlich sind die Luftangriffe von den Nazis sehr genau dokumentiert worden und im Stadtarchiv einsehbar. Aus juristischen Gründen wurden lediglich einige Namen geändert oder auch fiktiv handelnde Personen eingefügt. So ist zum Beispiel die Tätigkeit des damaligen Stadtbaudirektors Arthur Eulert (im Buch Armin Eunert) nicht zuletzt durch seine wunderschönen Wismar-Zeichnungen belegt. Seine im Buch vorkommende Nichte gab es so nicht, deren Erlebnisse entsprechen jedoch wieder einigen Augenzeugenberichten.

OZ: Welchen Einfluss hatten die Augenzeugenberichte auf das Buch?

Stein: Sie waren ursprünglich als reiner Anhang an die Romanhandlung gedacht. Die Berichte gingen dann aber sowohl mir als auch dem Autor so unter die Haut, dass sich die Stimmung dieser Berichte deutlich im Roman widerspiegelt. Es gab übrigens auch Augenzeugen, die trotz der langen Zeitspanne noch so von den Ereignissen berührt waren, dass sie sich nicht in der Lage sahen, diese Erlebnisse auch schriftlich niederzulegen. Sie gaben uns aber mündlich so unendlich wichtige Hinweise, dass Andre Jortzik sogar wörtliche Dialoge aus dieser Zeit in die Romanhandlung einbauen konnte.

OZ: Der Autor und Sie sind Jahrgang 68. Können Sie diese Zeit überhaupt beurteilen?

Stein: Möglicherweise war das sogar hilfreich, da wir die Fakten relativ nüchtern betrachten und dokumentieren konnten. Eine Bewertung der Nazizeit und der handelnden Personen werden die Leser in "Nacht über St. Marien" auch von uns nicht finden. Die Menschen wurden damals in eine fürchterliche Zeit hineingeboren und wollten überleben. Dem einen gelang das mit mehr, dem anderen mit weniger Anstand. Genau dies wird der Leser in den handelnden Personen finden. Unserer heutigen Generation steht darüber nach meiner Meinung kein moralisches Urteil zu.

OZ: Welche Reaktionen erwarten Sie auf das Buch?

Stein: Nachdem der Film "Der Untergang" schon sehr emotional beurteilt wurde, wird es auch bei "Nacht über St. Marien" die unterschiedlichsten Meinungen geben. Das komplizierte dieser Zeit ist, dass man nicht alles, schon gar nicht die "kleinen Leute", in Kategorien "Schwarz und Weiß" oder "Gut und Böse" stecken kann. Auch ein Autor ist dabei im Zwiespalt!

OZ: Was brachte Ihnen die Arbeit am Buch persönlich?

Stein: Nun, erst einmal wirklich sehr viel Arbeit. Aber im Ernst. Als junger Mensch neigt man ja etwas zur Arroganz der Jugend gegenüber dem Alter. Gerade aber die Gespräche mit den Augenzeugen haben mir sehr deutlich gemacht, wie viel meine Generation dem Aufbauwillen unserer Großeltern und Eltern verdankt und dass uns doch vieles in die Wiege gelegt wurde, was andere unter schweren Entbehrungen wieder errichtet haben.
 
 
 
 

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