OSTSEE-ZEITUNG.DE

Dienstag, 29. April 2008  |  Titelseite Wismar

Drei Wismarer Kirchen Stiftung zugeordnet

Im Tauziehen um die Kirchen in Wismar haben sich die Seiten angenähert. Ein Beschluss der Bürger- schaft ist ein erster wichtiger Schritt.

Die Im nichtöffentlichen Teil der Bürgerschaftssitzung vom Donnerstag fasste das Gremium einen Beschluss, den der SPD-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Rickert als „Jahrhundertentscheidung“ bezeichnet. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Box drückte es im Rahmen der Debatte so aus: „Mit der heutigen Entscheidung stehen wir an historischer Schwelle.“ Der Kern und Punkt eins des Beschlusstextes lautet: „Die Hansestadt Wismar stimmt einer Zuordnung von Grundstücken, die im Eigentum der ,Geistlichen Hebungen zu Wismar’ standen und bis zum 3. Oktober 1990 in Volkseigentum überführt worden waren, an die ,geistlichen Hebungen zu Wismar’ zu“. Die Geistlichen Hebungen haben ihren Ursprung im Mittelalter. „Sie waren seit erdenklichen Zeiten eine selbstständige Institution“, erklärt Oberkirchenrat Rainer Rausch von der evangelisch-lutherischen Landeskirche. Weil Wismar nach dem 30-jährigen Krieg an Schweden fiel, machte es nicht die Entwicklung von Rest-Mecklenburgs mit, wo Gotteshäuser und Liegenschaften kirchliches Eigentum wurden. 1961 beschlossen Stadt und Kirche per Vertrag die Aufhebung der Geistlichen Hebungen und verteilten das Vermögen der Stiftung untereinander. Außerdem verpflichtete sich die Stadt zur Durchführung umfangreicher Baumaßnahmen an den Kirchen. „Der Vertrag ist teilweise nicht vollzogen worden“, sagt Rausch. „So sollten alle Kirchen wiedererrichtet werden, was nicht geschehen ist.“ Die Gültigkeit dieses Vertrages von 1961 werde bezweifelt.

Da aber im Einigungsvertrag nach der Wende „diese Stiftungsdinge vergessen worden sind“, wie Bürgerschaftspräsident Gerd Zielenkiewitz (SPD) erläutert, mussten sich beide Seiten einigen. Das versuchen sie seit fast 18 Jahren. Wie von Landessuperintendent Dr. Karl-Matthias Siegert zu erfahren war, seien sowohl von der Stadt als auch von der Kirche Zuordnungsanträge gestellt worden. Strittig seien beispielsweise die Höhe der finanziellen Beteiligung der Kirche an den Bauunterhaltungskosten sowie die Aufstellung des Kunstgutes. „Wenn klar ist, dass die Erträgnisse aus den Geistlichen Hebungen dem Unterhalt der Gebäude dienen, werden wir unseren Zuordnungsantrag zurückziehen“, sagt Siegert. Er und Rausch führen auf Kirchenseite die Verhandlungen. Diese sind längst nicht abgeschlossen, der Bürgerschaftsbeschluss bildet erst die Grundlage.

Jetzt wird ein Vertrag ausgehandelt, in dem es um die konkrete Ausgestaltung geht, etwa um die Nutzungsrechte. Diesem Vertrag müssen auch die betroffenen Kirchgemeinden zustimmen. Im bisherigen Grundsatzbeschluss verpflichtet sich „die Hansestadt, das Kirchenamt, das die Verwaltung der Stadtkirchen gewährleistet, solange kommunal zu führen, bis die Erträge aus dem Stiftungsvermögen eine hinreichende Finanzierung ermöglichen“. Zudem sollen von der Stadt für „Maßnahmen zur Werterhaltung und Wertverbesserung jeweils 50 000 Euro jährlich für die Marien- und die Georgen-Kirche und weitere Mittel nach Bedarf zur Verfügung“ gestellt werden. Weiter heißt es: „Diese Verpflichtung endet, wenn die Erlöse aus den Erträgen des Stiftungsvermögens hinreichen, die Bauunterhaltung sicherzustellen.“ Die Verpflichtungen stehen unter dem Vorbehalt, dass sich die Kirche „angemessen an den laufenden Kosten“ beteiligt.

Im Rathaus hielt man sich gestern mit Stellungnahmen zurück, „da die Verhandlungen mit der Kirche nicht abgeschlossen sind“, so Pressesprecher Frank Junge.
St. Nikolai-St. Georgen–St. Marien
Die Nikolaikirche wurde von 1381 bis 1487 als Kirche der Seefahrer und der Fischer in norddeutscher Backsteingotik erbaut. Das Bauwerk ist eine dreischiffige Basilika mit Einsatzkapellen, Chorumgang und Kapellenkranz. Sowohl dem nördlichen als auch dem südlichen Seitenschiff gliedern sich querhausartige Vorhallen an, die aber nicht direkt mit dem Hauptschiff verbunden sind. Der ursprüngliche Turm war 120 Meter hoch. Im Jahre 1703 zerstörte ein Sturm den Spitzhelm des Turms.

Mit dem Bau der Georgenkirche – ebenfalls im Stil der norddeutschen Backsteingotik – begann man im Jahr 1295. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte und zu DDR-Zeiten stark verkommene Gebäude soll bis 2010 vollständig restauriert sein.

Die Marienkirche, erbaut um 1260 bis 1270, ist die höchste der drei Stadtkirchen und gehört zu den ältesten Bauwerken der Hansestadt. Ihr im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigtes Schiff wurde 1960 gesprengt.
 

ULRIKE OEHLERS
 
 

St. Georgen, St. Marien und St. Nikolai (kl. Bild) – die drei Kirchen prägen das Stadtbild. Doch wer hat die Schlüsselgewalt? „Das Grandiose an dem jetzt gefassten Bürgerschaftsbeschluss ist zu erkennen, dass die Kirche ebenso wie die Stadt darauf dringt, zu einer Einigung zu kommen “, sagt Bürgerschaftspräsident Gerd Zielenkiewitz (SPD). Allerdings hat auch die Zuordnungsbehörde des Bundes Druck in dieser Richtung ausgeübt.
 

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OSTSEE-ZEITUNG.DE  Wochenendausgabe, 03. Mai 2008  |  Titelseite Wismar

Leserbrief  zur Nutzung der Stadtkirchen

Die Vorsitzenden der Ev.-luth. Kirchgemeinderäte der Hansestadt Wismar (St. Nikolai, Heiligen Geist, St. Marien, St. Georgen), P. Wiechert , P. Schwarz und P. Thomas, äußern sich zum Beitrag „Drei Wismarer Kirchen Stiftung zugeordnet“ vom 29. April:

Wir sehen die Wismarer Stadtkirchen als einen außerordentlichen Schatz, den Stadt und Kirche geerbt haben und der weit über die Stadtgrenzen hinaus die Menschen anzieht. Mit großem Respekt erkennen wir die Aufbauleistung an, die von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und der Stadt Wismar mit länderübergreifenden Spenden und erheblichen Steuermitteln der Wismarer erbracht wurde. Auch zahlreiche Spender unserer Kirchgemeinden haben bisher und unterstützen weiterhin den Aufbau von St.Georgen und erhebliche kirchliche Mittel fließen in die Bauunterhaltung der St.-Nikolai-Kirche. So leisten Staat und Kirche seit Jahren große Beiträge.

Es ist nicht unser Bestreben, alleiniger Nutzer der aufgebauten St.-Georgen-Kirche zu werden. Wir würden es aber begrüßen, wenn die Stadt mit uns gemeinsam eine kulturelle und sakrale Nutzung planen würde. Es ist wünschenswert, wenn die St.-Georgen-Kirche durch ihre Innenausstattung vielfältige Möglichkeiten zu ihrer Nutzung eröffnen könnte, z. B. durch eine flexible Bestuhlung. Auch die musikalische Stimme einer Orgel wäre für die Kirche ein Gewinn.

Wir sehen die St.-Georgen-Kirche als einen Ort, an dem neben kulturellen Veranstaltungen Gebet, Andachten und Gottesdienste stattfinden sollten. Damit verbindet sich unser Wunsch, dass der restaurierte Altar und das Triumphkreuz der St.-Georgen-Kirche an ihre angestammten Plätze zurückkehren. Für die Verwirklichung einer Ausstattung, die auch kirchlichen Interessen entgegenkäme, würden wir unseren finanziellen Beitrag leisten.

Es ist unser Wunsch, dass die Hansestadt Wismar und die Wismarer Kirchgemeinden miteinander dafür sorgen, dass sich in den Stadtkirchen die ursprüngliche kirchliche Bestimmung und die Ausdrucksformen gegenwärtiger Kultur treffen und gegenseitig befruchten können.“

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