Glossar der gotischen Begriffe

nach "Bauten der Macht" - eine Kirchenbaustelle im Mittelalter, Monumente Publikationen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, 2002, Seite 118 ff.
Amt: In Norddeutschland gebräuchliche Bezeichnung für die Zunft, die Organisationsform des mittelalterlichen Handwerks- 
Arkade: (von lat: arcus = Bogen) Bogenstellung; ein sich über Stützglieder (Pfeiler, Säulen) spannender Bogen. Im Kirchenbau trennen die Arkaden Mittelschiff und Seitenschiffe. Eine Blendarkade ist ein entsprechendes Schmuckelement, das der Wand aufgeblendet ist. 
Aufriss: Graphische Darstellung einer Wandgliederung (außen oder innen) 
Basilika: Verbreitete Bauform des mittelalterlichen Kirchenbaus mit Ursprüngen in der Antike. Bei der B. ist das Mittelschiff höher als die Seitenschiffe. Es wird durch Fenster im Obergaden belichtet. 
Baufuge, Baunaht: Übergang zwischen zwei Mauerabschnitten; Bau- nähte kommen häufig an Bauten vor, bei denen eine lange Bauzeit technische und stilistische Unterschiede zwischen den Bauphasen zur Folge hatte- 
Blendmaßwerk: B. nennt man -> Maßwerk, das einer nicht durchbrochenen Wandfläche vorgeblendet ist, im Unterschied zu Fenster- Maßwerk. 
Bündelpfeiler: Pfeiler, der aus unterschiedlich starken Runddiensten zusammengesetzt scheint. Ein typisches Merkmal der spätromanischen und vor allem der gotischen Baukunst. 
Bürgersprache: Regelmäßig, meist jährlich stattfindende Versammlung der Bürger einer Stadt und zugleich Bezeichnung für die bei dieser Gelegenheit verkündeten Verordnungen und Regeln. 
Chor: Altarraum einer Kirche. 
Deesis: Darstellung des thronenden Christus zwischen Maria und Johannes, oft als Hauptgruppe des Jüngsten Gerichts. Bildkomposition, die im frühen Mittelalter in der byzantinischen Kunst ausgebildet und von der abendländischen Kirche übernommen wurde. 
Dienst, Dienstbündel: Senkrechter Viertel- bis Dreiviertelrundstab, der Gurte und Rippen gotischer Gewölbe aufnimmt. Die sog. Alten Dienste tragen dabei die stärkeren Gurte, die schlankeren Jungen Dienste die Rippen und Profile. Dienstbündel sind um einen -> Pfeiler gelegt und können dessen Kern oft ganz verstecken. Dienste können Basis und Kapitell haben, müssen dies aber nicht. 
Fiale: Schlankes, spitzes Türmchen als Bekrönung von -> Strebepfeilern oder als seitliche Begrenzung von Wimpergen; typische Zierform der Gotik. 
Formstein: Backstein, der im Unterschied zum rechteckigen Normalformat an mindestens einer längs- oder Schmalseite profiliert oder rund ausgebildet ist. Über oder nebeneinander vermauert bilden die Formsteine Gewölberippen, Fenster- oder Portalrahmungen oder Zierfriese. 
Fortifikation: Befestigung (militärisch). 
Fünte: In Norddeutschland gebräuchliche Bezeichnung für Taufbecken 
Georadar-Erkundung: Zerstörungsfreie Methode der Bodenuntersuchung; beruht auf der Auswertung reflektierter elektromagnetischer Impulse an Bodenschichtgrenzen oder im Boden enthaltenen Körpern mit unterschiedlichen elektromagnetischen Eigenschaften- 
Gewerke: Die verschiedenen, an einem Projekt (z. B. einer Kirchenbau- stelle) beteiligten Handwerkssparten (auch Zünfte). 
Gurt, Gurtbogen: Begrenzt die einzelnen Gewölbefelder Joche) in der Querachse eines Baues. 
Halle, Hallenkirche: Anders als bei der -> Basilika sind bei der H. die Schiffe gleich hoch. Das Mittelschiff wird über die Seitenschiffe be- lichtet, die große Fensterflächen aufweisen. Siedler aus Westfalen führ- ten diese Bauform im Gebiet der Backsteingotik ein, wo sie vor allem bei kleineren Kirchen zur Anwendung kam. 
Joch: Bezeichnet das einzelne Gewölbefeld eines Bauwerkes zwischen den Stützen. Mehrere Joche hintereinander ergeben das Kirchenschiff. 
Kapitell: (von lat. capitellum = Köpfchen) Oberer, oft reich verzierter Abschluss einer Stütze (Pfeiler, Säule). 
Karner: (lat. carnarium) Beinhaus, eine in der Regel zweigeschossige Friedhofskapelle. Im Untergeschoss lagerten ausgegrabene Gebeine, im Obergeschoss befindet sich ein Altarraum für Totenmessen. 
Kämpfer: Der Übergang von senkrechten Bauteilen in die Krümmung eines Bogens oder eines Gewölbes, der den Druck von oben ableitet; oft als Kämpferstein besonders hervorgehoben. Befindet sich der Kämpferstein an einem Pfeiler, nennt man ihn Pfeilerkämpfer- 
Langhaus: Teil einer Kirche zwischen Fassade und Querhaus bzw. Chor bei einer Basilika. Zu ihm können Mittelschiff, Seitenschiffe bzw. auch Seitenkapellen gehören. 
Lettner: Scheidewand an der Grenze zwischen Chor und Mittelschiff und damit zugleich zwischen dem Chor als Raum der Geistlichkeit und dem Langhaus als Laienkirche- 
Maßwerk: (das "gemessene Werk") Geometrische Zierform der Gotik zur Unterteilung von Fenstern, Giebeln, Wänden, Altären etc., die auf dem mit dem Zirkel geschlagenen kreisförmigen Pass aufbaut. Im Verlauf der Gotik entstanden immer variantenreichere, phantasievollere Gebilde. 
Mittelschiff: Mittlere Raumeinheit einer mehrschiffigen Anlage. Von den 
Seitenschiffen ist es durch (Scheid-)Arkaden abgetrennt. 
Mönch-Nonnen-Deckung: Mittelalterliche Dachdeckung aus Hohlziegeln. Der konvex (nach oben) gewölbten Dachziegel, der "Mönch", wird über dem konkav (nach unten) gewölbten Ziegel, der "Nonne" angeordnet. 
Mörtel: Gemisch aus Bindemittel (Kalk, Gips, heute auch Zement), Sand 0. ä. und Wasser zum stabilen und weitgehend wasserdichten Verbinden von Mauersteinen oder Verputzen von Wänden und Decken. Für Kalk wurde Kalkstein oder Muschelschlick aus dem Wattenmeer gebrannt und mit Wasser gelöscht. Die Denkmalpflege bemüht sich um eine Annäherung an die historischen Mörtel- 
Morgensprache: Regelmäßig stattfindende Mitgliederversammlung des Amtes und zugleich Bezeichnung für die bei dieser Gelegenheit erlassenen Gebote und Satzungen. 
Obergaden: Durchfensterte Hochwand des Mittelschiffs einer  Basilika oberhalb der Dächer der Seitenschiffe. 
Pfeiler: Vertikale Stütze zwischen Öffnungen, meist auf quadratischem, rechteckigem oder -> polygonalem Grundriss (-> Bündelpfeiler). Der Rundpfeiler unterscheidet sich von der Säule durch seinen einheitlichen kreisrunden Grundriss, wohingegen sich die Säule in der Mitte verbreitert (Entasis) und nach oben verjüngt. Der P. kann Basis und Kapitell oder einen Kämpfer haben. Handelt es sich um einen Wandpfeiler, spricht man von Pilaster. 
Polygon, polygonal: Vieleck; den vieleckigen Schluss eines -> Chores, wie er in der Gotik üblich ist, nennt man Chorpolygon. 
Pfeilerkämpfer: -> Kämpfer. 
Pultdach: Halbes Satteldach, das nur aus einer schrägen Dachfläche be- steht. Bei Kirchen ist der Umgangschor oft mit einem P. gedeckt. 
Querschiff: Quer zum -> Langhaus verlaufender Bauteil vor dem Chor einer Kirche. 
Retabel: Altaraufsatz, der als Tafel oder Schrein ausgebildet ist, Flügel be- sitzen kann und gemalte oder plastische Darstellungen trägt. Im deutschen Sprachgebrauch wird das Retabel oft einfach Altar genannt. 
Richtscheit: Ein hölzernes, gleichseitiges oder gleichschenkliges Dreieck, an dessen oberer Spitze ein Lot angebracht war. 
Rus: Bezeichnung für das Kiewer Reich vom 10. bis 12. Jahrhundert- 
Schildbogen: Wandbogen, ein Bogen an der Wand- oder Fensterseite eines Gewölbes, im Unterschied zu den freistehenden Scheidbögen, die die Schiffe voneinander trennen. 
Steckgerüst: Holzsparende Baugerüste des Mittelalters, die mit dem 1 Mauerwerk "verzapft" waren, indem man die horizontalen Querbalken in bereits vorgesehene Lücken des Mauerwerks steckte. Auf diese Querbalken konnte man Bretter als "Laufsteg" auflegen. War die auf einer Gerüstebene erreichbare Höhe vermauert, zog man die Holzbalken aus den Löchern und steckte sie einfach in die nächst- höheren Zwischenräume. Diese Gerüstlöcher sind noch heute in regelmäßigen Abständen an vielen Backsteinkirchen erkennbar. 
Strebebogen: Ein schräg ansteigendes Bogenstück am Äußeren der Seitenschiffe, der den Gewölbeschub vom Hochschiff einer gotischen -> Basilika auf den darunter liegenden Strebepfeiler überträgt. Zusammen mit dem Strebepfeiler bildet der S. das Strebewerk. 
Strebepfeiler: Die beiden Grundprinzipien gotischer Architektur, Ge- wölbe und möglichst durchbrochene Wände, machten St. notwendig, die den Gewölbeschub nach unten ableiten. Die Außenmauern wurden durch St. verstärkt, die entweder nach außen vorspringen oder- seltener -in den Raum eingezogen sein können. Siehe auch Strebebogen. 
Triforium: Schmaler Laufgang zwischen den -> Arkaden oder Emporen und den Obergadenfenstern einer Basilika; das T. ist durch Arkaden zum Mittelschiff geöffnet; typisches Element der gotischen Wandgliederung; auch ohne Laufgang als Blendtriforium möglich. 
Triumphkreuz: Zumeist plastische Darstellung des Kruzifix vor dem Hochchor der mittelalterlichen Kirche, oft mit den Begleitfiguren Maria und Johannes. Das T. konnte auf einem Balken, der zwischen den Vierungspfeilern eingelassen war, montiert werden (wie in St. Georgen in Wismar oder im Lübecker Dom), Teil des Kreuzaltares sein (wie im Doberaner Münster) oder seltener auf dem Lettner angebracht werden. 
Umgangschor: Ein Chor, um den ein Umgang herumgelegt ist. In der Backsteingotik schließt sich an den U. oft noch ein Kapellenkranz an. 
Verband: Es bestehen zahlreiche Möglichkeiten, (Back-)Steine regel- mäßig aufzumauern, z. B.: Beim Binderverband ist nur die Schmalseite der Steine sichtbar, während beim Läuferverband die Längsseite in der Mauerfläche liegt. Beim Rollverband sind hochkant gestellte Binder aneinander gefügt. Beim wendischen V. wechseln sich je ein Läufer und Binder ab, beim gotischen sind zwei Läufer und ein Bin- der zusammengefügt. 
Walmdach: Dachform mit vier schrägen Dachflächen über allen vier Gebäudeseiten; kommt sowohl bei Wohnhäusern als auch bei Kirchtürmen vor. 
Weltchronik: Eine im Mittelalter sehr beliebte Gattung der Geschichtsschreibung, die den Bogen von der Schöpfung bis in die eigene Zeit oder bis zum Ende der Welt spannt. Die Weltchronik ist eine deutschsprachige Erscheinung. 
Wedde: Innerstädtische Behörde, die die Aufsicht und Gerichtsbarkeit in Handel, Markt und Gewerbe sowie polizeiliche Aufgaben wahrnahm. Sie wurde von Weddeherren geleitet. 
Weichbild: Nähere Umgebung der Stadt, auf die diese auch rechtlichen Einfluss hatte- 
Wendisches Quartier: (Wenden = slawische Bevölkerung der kontinentalen Ostseeküstenregion vor der Christianisierung). Im September 1259 wurde von Wismarer, Lübecker und Rostocker Kaufleuten ein Vertrag zum gegenseitigen Schutz des Seehandels unterschrieben- Diese regionale Vereinbarung wird als Beginn des W. Q., einer "Regionalgliederung" der Hanse, angesehen. Ihr schlossen sich später auch die Städte Anklam, Demmin, Greifswald, Stettin und Stralsund an. 
Willküren: Vom Rat erlassene, innerstädtische Regelungen mit Gesetzeskraft. 
Wimperg: Giebelartige Bekrönung gotischer Portale und Fenster mit Maßwerkverzierung. Ein Wimperg ist mit Krabben (Kriechblumen) besetzt und wird von einer Kreuzblume bekrönt; oftmals flankieren ihn -> Fialen. 
Beispiele aus:

"Baustilkunde" Wilfried Koch
Sakralbauten 1. Band, S. 155 ff
Bassermann Verlag 1998
 
 

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Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Großherzugsthum Mecklenburg-Schwerin
Band II; Friedrich Schlie, 1898 Leipzig, Seite 28f.
 
 

Querschnitt der St. Marienkirche

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Längsschnitt der St. Marienkirche

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