Wie ein mahnender Finger
Ein gewaltiges Denkmal gegen das Vergessen: der Turm von St. Marien Wismar.

.   (zit. aus Mecklenburgische Kirchenzeitung Nr. 36 vom 4. September 2005 von Gerhard Altenburg)                     Back

 
"Gleich zwei traurige Jubiläen konfrontieren die Stadt Wismar in diesem Jahr mit ihrer jüngsten Vergangenheit: Vor 60 Jahren die Bombardierung Wismars und vor 45 Jahren die Sprengung des Kirchenschiffs von St. Marien.

Wie ein mahnender Finger ragt der einsam stehende Kirchturm von St. Marien 80 Meter hoch in den Himmel von Wismar. Wer in diesen Tagen den Ort des Geschehens besucht, parkt sein Auto meist direkt am Marienkirchturm – direkt auf dem Grund des ehemaligen Kirchenschiffs. Ein Umstand, den nicht nur Gemeindepastor Christian Schwarz beklagt: „Der Bereich vor dem Marienkirchturm muss anders genutzt werden, auf keinen Fall für das Abstellen von Pkw". Geschäftsfrau und Gemeindeglied Marianne Heinrich gibt dagegen zu bedenken: "Wir Geschäftsleute brauchen die Parkplätze hier, sonst können wir nicht überleben." Eine Diskussion, die schon lange geführt wird. Kurz vor der Wende gab es sogar Pläne, auf dem historischen Grund einen Hotelneubau zu errichten.

Alles begann damit, dass in der Nacht vom 14. zum 15. April 1945 britische Lufttorpedos die Altstadt bombardierten und das später so genannte "Gotische Viertel" mit den beiden großen Kirchen St. Marien und St. Georgen zerstörten. An diese Nacht erinnert sich Christa Innecken (75) noch genau: "Ich war ein Mädchen von 15 Jahren. Wir wohnten damals auf der Neustadt, und an diesem Abend lagen wir schon im Bett und waren gerade eingeschlafen. Plötzlich erwachte ich vom Heulen der Sirenen. Kurz darauf hatte ich das schreckliche Gefühl, als ob sich die Luft zusammensog – und dann entlud sich alles in einer großen Explosion. Scheiben gingen zu Bruch und es brannte irgendwo. Schließlich rannten wir über die Scherben hinweg hinaus auf die Strasse. Wir wussten, dass es ganz in der Nähe eingeschlagen hatte und versuchten zu retten, was zu retten war. Wir selber haben bei der St. Marienkirche aus dem Keller der Alten Schule, die völlig zerstört war, noch Menschen gerettet".

Die vitale Frau ist tief bewegt, wenn sie an die Zeit vor 60 Jahren denkt. „Die Kriegserlebnisse in Wismar haben mich in jeder Faser meines Körpers geprägt. Die Nächte des Krieges waren dunkel und unheimlich, nirgendwo durfte Licht brennen, kleinste Gardinenspalten mussten zugehängt werden." Und ihr Mann Werner (80) fügt hinzu: "Dafür haben wir in unserem Geschäft sogar schwarze Klammern verkauft". Christa Innecken weiß, dass es nur noch wenige Zeitzeugen gibt. In der Jungen Gemeinde hat sie deshalb auf Bitte ihrer Enkelin von ihren Erfahrungen erzählt.

Ähnliche Erlebnisse kennt auch Reiner Höppner aus Wismar, wenn er an die Erzählungen seiner Mutter denkt: "Die Detonation in dieser Nacht war so stark, dass sie meine Mutter noch in ihrem Heimatdorf Kletzin bei Dorf Mecklenburg spürte. Immer wieder erzählte sie, wie sie vom ferne zusehen musste, als Wismar brannte."

Das Bewahren solcher Erinnerungen, zum Beispiel durch einen Gottesdienst anlässlich der Zerstörung des Gotischen Viertels, ist Pastor Schwarz ein persönliches Anliegen: "Als Kirchgemeinde für die Wismarer Altstadt ist es unsere Aufgabe, an das Leid zu erinnern, das damals hier geschehen ist."

Umso härter traf es die zerstörte Altstadt, als 1960 auch noch das schwer beschädigte Kirchenschiff von St. Marien gesprengt wurde. Pastor Schwarz nennt die Sprengungen "bis heute ungesühnte Verbrechen, die in einer Linie mit den Sprengungen der Leipziger Universitätskirche, der Potsdamer Garnisonskirche oder der Rostocker Jacobikirche zu sehen sind." Auch viele seiner Gemeindeglieder schütteln bei dem Gedanken an das damalige architektonische Gutachten nur noch den Kopf: "Man hätte St. Marien retten können. Die Kirche war weniger zerstört als St. Georgen," sind sich viele einig. Nach der kurzfristigen Ankündigung der Sprengung wurde am 6. August 1960 für wenig Augenzeugen gesorgt: "Alle Fenster mussten geöffnet werden, aber hinter den Fenstern aufhalten durfte sich keiner", so Werner Innecken. Die meisten Bürger leisteten der Aufforderung unter Androhung von Strafe Folge. "Wir saßen die ganze Zeit auf der Treppe und mussten die Sprengung über uns ergehen lassen", erinnert sich Marianne Heinrich. "Sonst hätten sie uns unser Geschäft weggenommen." Einige wagten trotzdem einen Blick, so wie Reiner Höppner (55), der damals 10 Jahre alt war: "Von unserer Wohnung in der Kurzen Baustraße konnten wir aus der Dachluke die Kirche sehen. Die große Kirche fiel langsam in sich zusammen und stürzte aus großer Höhe auf die Erde. Zuletzt sah ich noch den Dachreiter fallen. Später hat man sich erzählt, dass die Glocke im Dachreiter beim Aufprall noch ein letztes Mal geläutet hätte." Legendenhafte Wünsche einer letzten Mahnung oder göttlicher Protest gegen sich unaufhaltsam vollziehendes Unrecht?

In jeden Fall zeigen solche Erzählungen, wie sehr das Schicksal St. Mariens auf den Strassen Wismars zum Thema geworden ist. Die Folgen der Sprengung waren auch im Bereich des gesamten Marienkirchhofs unübersehbar. Das angrenzende Archidiakonat wurde erneut schwer beschädigt, und St. Marien, das ehemalige kirchliche Aushängeschild Wismars, war auf den 80m hohen Turm reduziert.

"Ich sage auch heute noch: ich bin nicht für St. Georgen, ich bin für St. Marien – dort bin ich getauft worden", sagt Marianne Heinrich, die zu ihrem Geschäftsjubiläum über 3200 Euro für neue Glocken spendete. Die Kindheitserinnerungen sind für viele ältere Wismarer Bürger untrennbar mit St. Marien verbunden: "Wie oft haben wir an der Ruine gespielt und uns abends dort getroffen", erinnert sich Marianne Heinrich, und Christa Innecken ergänzt: "In der Anfangszeit durften wir die Ruine sogar innen betreten und haben so manche waghalsige Ausflüge hinter uns." Die Enttäuschung über die Sprengung sitzt tief.

"Die Erinnerung an den Frevel, der damals geschehen ist, muss wachgehalten werden", mahnt Claus Wergin aus Seehof. Er hat vor einigen Jahren die Fotos seines Großvaters veröffentlicht, der als Anwohner die Sprengung verbotenerweise fotographisch festgehalten hat. Er weiß: "Und es gibt noch mehr mutige Menschen, die damals Fotos gemacht oder über die Sprengung berichtet haben." Umfangreiche Archivierungen wie von Dr. Jürgen Gundlach aus Wismar, ein verbotener Film über die Sprengarbeiten sowie zahlreiche Veröffentlichungen tragen dazu bei, dass die Hintergründe um die Sprengung nicht in Vergessenheit geraten. „Es genügt natürlich nicht, nur die historischen Fakten aufzuarbeiten. Unser heutiger Umgang mit dem Erbe der Geschichte ist das Entscheidende", erklärt Claus Wergin. Auf seiner Internetseite informiert er über die Sprengung und bietet dort Möglichkeiten an, eigenes Material zu veröffentlichen. Genauso lädt er hier dazu ein, in einem Diskussionsforum bei der Aufarbeitung der Geschehnisse zu helfen und über die künftige Nutzung von St. Marien nachzudenken.

Damit läuft er bei Pastor Schwarz offene Türen ein: "Die aktuelle Diskussion muss weitergeführt werden, und zwar im Sinne von St. Marien als Kirchengebäude". Er sieht die Verantwortlichen der Stadt, die nun mit ihrem eigenen Kirchenbauamt die zweite große Kirche des Gotischen Viertels, St. Georgen, wiederaufbauen, mit kritischer Distanz. Der Zusicherung von Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken ("Die Kirchen sind bei der Stadt in guten Händen") misstraut er nicht nur aus historischen Gründen. Er fürchtet einen Alleingang der Stadt bei möglichen Baumaßnahmen an St. Marien. Dabei bedenkt er auch das schon öfter geäußerte Reizwort "Wiederaufbau", etwa nach dem Vorbild der wiederaufgebauten Dresdner Frauenkirche. "Wenn die Stadt tatsächlich daran denkt, einen eigenen Aufbauverein anzustreben, dann, wie momentan bei St. Georgen, primär aus touristischen Gründen. Die Zurückdrängung der Kirchen als Gottesdiensträume ist leider typisch für unsere Zeit."

Die Gemeindeglieder sehen das Thema mit einem gewissen Pragmatismus: "Ein Wiederaufbau ist ja viel zu teuer, und nun wird ja schon St. Georgen gebaut", meine einige. Und Marianne Heinrich gibt im Blick auf die aktuelle Gemeindewirklichkeit in der „Neuen Kirche“ zu bedenken: "Wir haben ja unsere kleine Kirche, und nicht mal die ist voll. Und wenn ich an die Zukunft denke: Was sollen wir mit noch zwei großen Kirchen? Meine Enkel sind zwar noch getauft, aber für Kirche interessieren sie sich nicht."

Die Stadt Wismar hält sich dazu bedeckt und war für eine Stellungsnahme nicht zu erreichen. Wer heute die Ausstellung "Wege der Backsteingotik" am Marienkirchturm besucht, wird in der Sprache der Ablasstheologie darum gebeten, mit dem Kauf eines Steins für St. Marien seinen „persönlichen Beitrag für die Ewigkeit“ zu leisten. Die gekauften Steine werden dann, eigenhändig beschriftet, zur Baustelle im Freigelände gebracht, wo sie der Aufmauerung der nun wieder rekonstruierten Fundamente des Kirchenschiffs dienen. Schritt für Schritt sollen so die Umrisse des Kirchenschiffs wieder sichtbar werden. Claus Wergin zeigt sich von diesen baulichen Maßnahmen, die das Landesamt für Denkmalpflege begleitet, begeistert: „Das ist genau das Richtige. Der Parkplatz muss von der Süd- auf die Nordseite verlegt und die Originalfundamente müssen wieder sichtbar werden. Alles, was der Erinnerung dient, ist willkommen.“ Das traurige Jubiläum der 45jährigen Sprengung hat Claus Wergin dazu genutzt, um Handzettel mit dem historischen Sprengungsankündigung zu verteilen und Aufklärung zu leisten. Außerdem hat er das Plakat „Erinnern für die Zukunft“ entworfen. Er glaubt, dass St. Marien nur gedient ist, wenn Stadt und Kirche zusammenarbeiten und sieht sich selbst sowohl als Kirchenmitglied und als auch als Mensch der politischen Öffentlichkeit. Im April hat er deshalb mit Menschen des öffentlichen und kirchlichen Lebens, unter anderem Bürgermeisterin Wilcken, den „Förderverein St. Marien zu Wismar“ gegründet. Er verfolgt primär Ziele der Denkmalpflege, der weiteren Grabung und des Städtebaus. Wergin hält fest: „Wir sind ein Förderverein, kein Aufbauverein – trotzdem können die freigelegten Originalfundamente natürlich als Ausgangspunkt weiterer Aufbauarbeiten dienen. Aber ein vollständiger Aufbau von St. Marien würde wohl noch Jahrzehnte dauern und ist jetzt nicht das Thema. Vielleicht ist die heutige Generation gar nicht reif für den Wiederaufbau.“ Eher möchte Wergin dazu ermutigen, Visionen zur Zukunft von St. Marien zu entwickeln. Nicht zuletzt aus Erfahrungen mit Schülerprojekten zum Thema glaubt er an den Lerneffekt der Kirchenbaustelle. „Kunsthistoriker, Bauingenieure oder Statiker könnten jahrzehntelang an St. Marien lernen. Warum sollten wir nicht für die nächsten siebzig oder vielleicht sogar hundert Jahre in St. Marien eine Museums- und Lernbaustelle haben, die einer lebendigen Erinnerung dient?“

Gerhard Altenburg
Lesetipps:
  • Zur Baugeschichte St. Mariens: Gottfried Kiesow: St. Marien in Wismar. In: Bauten der Macht, Gebrannte Größe 2, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Bonn 2002.
  • 3-D-Show zum Bau von St. Marien mit Bruno Backstein im Marienkirchturm Wismar (Buch: Gottfried Kiesow).
  • Bildband: St. Marien Wismar, Ludwig Verlag, Kiel 1996.
  • Dokumentarischer Roman mit Informationen: Volker Stein (Hg.), Nacht über St. Marien, Rostock 2005.

  • Zur Geschichte Wismars im Internet: www.markjentsch.de/GeschichteInhalt.html
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    Die Bombardierung Wismars 1945

    Während des 2. Weltkrieges wurden in der Zeit vom 24.Juni 1940 bis 15. April 1945 insgesamt 10 Luftangriffe durch die britische Royal Air Force auf die Stadt Wismar geflogen. Ein wesentlicher Grund dafür war die Ansiedlung der Dornierwerke in der Hansestadt. Insgesamt wurden im Verlaufe des Krieges 26 % des Wohnraumes und 80 % der Industrie Wismars zerstört.

    In der Nacht vom 14. zum 15. April 1945, zwei Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges, kam es zum zehnten und letzten Luftangriff. Nach dem Abschluss vom 5 Lufttorpedos ist das „Gotische Viertel“ mit St. Georgen- und St. Marienkirche, Alter Schule, Archidiakonat, Superintendentur und der Kapelle Maria zur Weiden in wesentlichen Teilen zerstört.

    Gegenüber der zerstörten Marienkirche wurde 1951 mit Hilfe von Trümmerziegeln als sogenannte „Notkirche“ die Neue Kirche als letzte von 49 Otto-Bartning-Kirchen errichtet. Obwohl ursprünglich nicht für die Ewigkeit gedacht, steht diese Kirche inzwischen unter Denkmalschutz und dient der Kirchgemeinde St. Marien / St. Georgen als Gottesdienstraum.
     

    Die Sprengung der Marienkirche 1960

    Am 4. August 1960 beschloss der Rat der Stadt Wismar (Anmerkung des Homepage-Administrator: richtiger Weise muss es lauten "... beschloss die Stadtverordnetenversammlung ...") "Sprengarbeiten an der hiesigen Marienkirche". Als Gründe dafür wurden die mangelhafte Standsicherheit der Ruine sowie fehlende Mittel zur Instandsetzung behauptet. Dagegen bescheinigen andere zeitgenössische Gutachten dem Bauwerk die Standsicherheit. Der Beschluss ging nicht nur von höherer Parteiebene ("St. Marien muss fallen"), sondern auch wesentlich vom Rat der Stadt aus. Bereits zwei Tage später wurde am 6. August 1960 mit der Sprengung begonnen. Gemäß der amtlichen Bekanntmachung handelte es sich bei der Sprengung "zunächst nur um die Beseitigung bestehender baulicher Gefahrenquellen". Daraus resultierte jedoch nach der vierteiligen Sprengung am 26. August 1960 die Zerstörung von Chor und Langhaus und damit des kompletten Kirchenschiffs. Allein der 80m hohe Kirchturm blieb stehen.

    Widerstand gegen die Sprengungsabsichten leisteten vor allem das Institut für Denkmalpflege, aber auch, wie erst nach der Wende bekannt wurde, Einzelpersonen (siehe Kirchenzeitung Nr. 8 / 2005, S. 10). Die Trümmer des Kirchenschiffes wurden zermahlen und als Wegbestreuung und Betonzusatz verwandt.

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