Auszüge aus dem Gutachten   " ... über den Bauzustand der Marienkirche in Wismar"                                 Glossar gotischer Begriffe
vom 8.8.1960 von W. Preiss, Dipl. Ing. aus Dresden, Bausachverständiger für konstruktive Sicherung von Baudenkmäler:

"Auf Veranlassung des Institutes für Denkmalpflege in Schwerin besichtigte am 18.7.60 der Unterzeichnende in Begleitung von Herrn Dipl.-Ing. Polenz die Ruine der Marienkirche in Wismar, um die Standfestigkeit zur Sicherung der vorhandenen Bausubstanz zu erörtern. Über die Ortsbesichtigung liegt bereits der Aktenvermerk vom 23.7.60 vor, dessen Inhalt an Hand der diesem Gutachten beiligenden Zeichnungen und der Photos wiederholt bestätigt wird.  ................
Durch Kriegseinwirkungen sind sämtliche Gewölbe, die Seitenhallen und ein Teil der Seitenschiffwände zerstört worden. Die Dachdeckung auf dem über dem Mittelschiff noch erhalten gebliebenen Dachstuhl fehlt. Die herabgestürtzten Trümmer sind beräumt worden und die gesamte Ruine wurde mit einem Zaun umgeben......
.........   Da während der letzten 15 Jahre keine Sicherungsarbeiten am Kirchenschiff ausgeführt wurden, sind inzwischen örtliche Schäden entstanden, die den bereits abgesperrten Raum unter der Ruine gefährden.

1. Der ursprünglich noch gut erhaltene Dachstuhl über dem Hochschiff hat unter den Witterungseinflüssen gelitten, so daß sich einige Gespärre gelockert haben und zum Teil abgestürzt sind.  Trotzdem können noch wesentliche Teile des Dachholzes bei der Instandsetzung wieder verwendet werden..................

2. Nach der Zerstörung der Hochschiffgewölbe haben die Schwibbögen an der Nord- und Südseite ihre Spannung verloren. Die noch vorhandenen Schwibbögen an den Längswänden sind einsturzgefährdet.
     Die Schwibbbögen am Chor sind dagegen noch fest,
weil die Umfassungswände des Chores   infolge des polygonalen Grundrisses sehr steif sind.   ............

3.
Die Beiden Hochschiffwände  werden durch den Turm, das Chorpolygon und den Dachstuhl ausgesteift. In der Mitte zwischen Turm und Chor haben die nach dem Gewölbeeinsturz nur einseitig wirkenden Schwibbögen besonders an der Südseite die Hochschiffwand etwas nach innen gedrückt. Hierdurch sind an den inneren Pfeilervorlagen waagerechte Zugrisse entstanden. Nach dem Einsturz der Schwibbögen ist die Ursage für die Verformung nicht mehr wirksam und es ist keine weitere Zunahme zu erwarten. 

4. Schräge Risse in den Fensterblenden des Hochschiffes am Chor und am Turm, zeugen von Setzungsunterschieden zwischen Chor, Langhaus und Turm.   Diese sind offensichtlich schon alt und waren schon vor der Zerstörung vorhanden. Auch die leichte Neigung des letzten Pfleilerpaares am Chor nach Osten sind eine alte, unbedenkliche Verformung.

5. Bei drei Hochschiffpfleilern sind lotgerechte Risse an den Kapitellen vorhanden. Diese sind vermutlich durch Lockerung der äußeren Mauerschale bei der Erschütterung während des Gewölbeinsturzes entstanden und lassen sich durch Umschnürungen mit Flacheisenankern leicht festigen.

6. Bei den beiden westlichen Kapellen an der Nordseite sind die äußeren Fensterstürze locker  und drohen mit dem Traufgesims abzustürzen. 

7. Teilweise fehlt an den Abbruchflächen die äußere Mauerschale. Durch eindringende Feuchtigkeit kann sich das angrenzende Mauerwerk allmählich lockern.

Außer diesen örtlich begrenzten Mängeln ist die Ruine der Marienkirche zu Wismar noch gut erhalten. Irgendwelche sonstigen Verformungen, die auf das Nachlassen der Standfestigkeit des gesamten Bauwerkes schließen lassen könnten, sind nicht vorhanden. Das Mauerwerk zeigt keine Feuchtigkeits-, Frost- oder Brandschäden. Mörtel und Steine sind trotz ihres hohen Alters guter Qualität.
 

Die Instandsetzung wird in der angegebenen Reihenfolge vorgeschlagen:

a. Beseitigung der in Punkt 1, 2 und 6 genannten Gefahrenpunkte durch Abbruch der losen Bauteile .....
b. Ergänzung der Abbruchflächen durch Entfernen lockerer Steine und Wiederherstellung der glatten Maueroberfläche.
c. Abschnittweiser Einbau je eines Stahlbetonbalkens zwischen Turm und Chor zur Verbesserung der Aussteifung der
    beiden Hochschiffwände.
d. Wiederherstellung des Daches über dem Hochschiff und den noch vorhandenen Teilen der Seitenschiffe. Damit wäre
    zunächst ein ähnlich gesicherter Bauzustand wie an der Ruine des Klosters Chorin erreicht.
e. Der weitere Ausbau der Runine und die Ergänzung der Seitenschiffe könnte sich dann nach der künftigen Nutzung richten.

........... Außer den Gewölben ist nur verhältnismäßig wenig von der wertvollen Bausubstanz durch Kriegseinwirkungen zerstört worden. Mit den heutigen Mitteln der Bautechnik können die örtlich begrenzten Schäden leicht beseitigt und die Standfestigkeit kann voll wiederhergestellt werden, wobei die Arbeit in kleine Bauabschnitte über mehrere Jahre verteilt werden kann.

Dresden, den 8.8.1960

gez. Unterschrift W. Preiss
Dipl.Ing. W. Preis - Dresden
Bauschsachverständiger für konstruktive
Sicherung von Baudenkmälern.

Glossar gotischer Begriffe
 
 
 

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