Detlef Schmidt,  Wismar, den 12. Juni 2010
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Als die Staubwolken sich verzogen…                Vor 50 Jahren wurde St. Marien gesprengt

Über das weite Areal des ehemaligen Gotischen Viertel ertönte am frühen Sonnabendmorgen des 6. August 1960 kurz nach 9 Uhr das dreimalige Signal des Sprengmeisters und genau um 9.08 Uhr verrichtete die erste Sprengladung ihre zerstörerische Wirkung. Als die ersten Staubwolken sich verzogen, sahen die Wismarer mit ungläubigem Entsetzen, dass ein Teil des Kirchenschiffes von St. Marien zu einem Schutthaufen zusammen gesunken war.
Die St.-Marien-Kirche war am 14. April 1945 durch englische Luftminen schwer beschädigt worden, doch an diesem 6. August 1960 begann die endgültige Vernichtung von St. Marien. Weitere Sprengungen erfolgten am 10., 16. und 26. August 1960. Alle Bewohner im Umkreis von 150 Meter waren durch kurz zuvor angebrachte Plakate aufgefordert worden, zu diesem Zeitpunkt ihre Wohnungen zu verlassen und die Fenster wegen der Druckwellen zu öffnen.
Es ist wie so oft im Leben, man erkennt erst den wertvollen Verlust, wenn etwas unwiderruflich verloren ist. So erging es vielen Wismarern, denn der brutalen Zerstörung von St. Marien ging ein jahrelanger, von vielen unbemerkter, Prozess voraus. Die Situation nach dem II. Weltkrieg mit den politischen Umwälzungen stellte auch in Wismar alles auf dem Kopf, was bislang als richtig und gut galt. Waren viele Wismarer gleich nach dem Krieg bis in die fünfziger Jahre hinein noch fest überzeugt davon, dass die beiden zerstörten Kirchen wieder aufgebaut würden, so verhielten sich durch die verstärkte kirchenfeindliche Politik und deren massive Agitation große Teile der Bevölkerung wenn nicht gerade feindlich, so doch mehr und mehr gleichgültig gegenüber den Kirchen. Die 1951 von Mitgliedern der Kirchgemeinden erbaute Neue Kirche sollte bis zur Wiederherstellung der beiden großen Kirchen als Notkirche für die obdachlos gewordenen Kirchgemeinden dienen. Sie ist heute längst ein Denkmal geworden.
Auf diesen für die neuen politischen Machtinhaber fruchtbaren Boden, wurde mit der evangelisch-lutherischen Kirche über die bestehenden Geistlichen Hebungen und über Er- und Unterhalt der drei Wismarer Stadtkirchen verhandelt. Schon in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts verhandelte die Stadt mit den Kirchen über die Geistliche Hebung, da damals die Ausgaben die Einnahmen über das Doppelte überschritten und die Stadt wegen des Ausgleichs aus dem städtischen Haushalt, damals sogar das Gehalt der Pastoren aussetzen wollte.
Dies war jetzt noch prekärer, da Einnahmen aus den Geistlichen Hebungen, unter anderem auf Grund der veränderten politischen Lage und den Eigentumsverhältnissen, sehr gering waren und die Stadt die Ausgaben über ihren Haushalt ausgleichen musste. Da aber die Stadt das Patronatsrecht hatte, das heißt, sie war für die bauliche Unterhaltung der Kirchen verantwortlich, sollte die Stadt auch für den Wiederaufbau sorgen. Dies scheiterte natürlich an dem Unvermögen der DDR und den ideologischen Vorstellungen der führenden Funktionäre, diese Mittel dafür aufzubringen. Ohne Informationen über Hintergründe stellte man die Bürger vor die vermeintlich einfache Frage, ob sie lieber Wohnungen oder Kirchen haben wollten. Wie unter den damaligen Umständen die Entscheidung auf diese demagogische Frage war, ist aus heutiger Sicht zwar schwer verständlich aber nachvollziehbar.
Hinzu kam eine Einschätzung der Kirche, wie der Wismarer Landessuperintendent Voß 1955 schrieb: „Sehr viel schwieriger liegen die Dinge bei den Kirchen. Bei ihnen muss zugegeben werden, dass sie nicht nur Gottesdienst-Gebäude, sondern auch für das Bild der Stadt wesentliche Kulturdenkmale sind, an deren Erhaltung und Pflege die Stadt deshalb ein großes Interesse haben müsste. Auf der anderen Seite entsprechen sie, sowohl ihrer Lage wie ihrer außerordentlichen Größe nach, nicht den Bedürfnissen der Wismarer Kirchgemeinden und erst recht nicht deren finanziellen Kraft. Es ist sogar zu fragen, ob ihre Erhaltung, zumal eine gründliche Herstellung in dieser eingeschlossen, nicht auch die Kräfte der Landeskirche weit übersteigt. Dem kirchlichen Leben in Wismar wäre mit kleinen Kirchengebäuden in den Außenvierteln mehr gedient als mit der Wiedergewinnung der Riesenräume von St. Marien und St. Georgen“. Spannungen und Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit den Geistlichen Hebungen und den Stadtkirchen zwischen Landeskirche und dem Wismarer Landessuperintendent waren für den weiteren Verlauf auch nicht gerade förderlich. Trotzdem konnte man sich Wismar ohne St. Marien nicht vorstellen und auch die Meinung von Serafim Polenz vom Institut für Denkmalpflege, einem der eifrigsten Verfechter zur Erhaltung von St. Marien, die St.-Marien-Kirche wenigstens als „Kulturkirche“ zu retten, wurde verworfen.
Hinter den offiziellen Verhandlungen war jedoch eine Entscheidung zur Beseitigung des Kirchenschiffes von St. Marien längst gefallen. Im Februar 1960 erhielt die Parteileitung der SED in Wismar von ihrer übergeordneten Bezirksleitung die unmissverständliche Order, den Abbruch des Kirchenschiffes unverzüglich in die Wege zu leiten. Es war eine eindeutig festgelegte Order aus ideologischen Gründen, wobei man die finanziellen Engpässe nur vorschob. Aus den gleichen ideologischen Gründen wurden in der DDR die Leipziger Universitätskirche und andere Kirchen, wie in Potsdam, zerstört.
Die Wismarer Genossen der Kreisparteileitung leiteten dies im März 1960 unverzüglich an Oberbürgermeister Herbert Fiegert mit einem verbindlichen Auftrag zur Ausführung weiter. Wie wichtig die Angelegenheit für die SED war zeigt, dass sich der oberste Bezirksparteichef Karl Mewis selbst einschaltete und im Juli 1960 kritisierend anfragte, wie weit „die Sache nun gediehen sei“. Um den Bürgern diese „Kulturschandtat“ schmackhaft zu machen, wurden Pläne zur Umgestaltung des Marienkirchplatzes mit einem Theater öffentlich vorgestellt. Hinzu kam eine breit angelegte gesteuerte „Leserbriefaktion“ in der Tageszeitung, wo ausnahmslos nur positive Stimmen zum Abriss von St, Marien abgedruckt wurden. Nachweislich geschriebene Protestbriefe wurden nicht veröffentlicht. Eine „Expertenkommission“ untersuchte am 9. Juni 1960 die Ruine und schrieb am gleichen Tag(!) ein „Gutachten“ von einer halben DIN A 4 Seite -  ein Schreiben, das nicht das Blatt Papier wert ist, auf dem es geschrieben wurde. Ein vom Institut für Denkmalpflege in aller Eile in Auftrag gegebenes Gutachten wurde nicht mehr in Erwägung gezogen.
Nun wurde vielen erst richtig deutlich, wie groß die Gefahr für St. Marien war. Der Kirchgemeinderat und  engagierte Wismarer Bürger wandten sich vergeblich an den Wismarer Rat und an die DDR Regierung. Die Kreisleitung der SED hatte am 3. Juni 1960 beschlossen, dass die Stadtverordnetenversammlung den Abbruch der Kirche zu beschließen habe!! Dieser „Beschluss“ kam am 4. August 1960 zustande. Zwar hatte sich Denkmalpfleger Serafim Polenz massiv in der Stadtverordnetenversammlung gegen den Abbruch ausgesprochen, doch der vorher festgelegte „Beschluss“ zur, nur zwei Tage später erfolgten, ersten Sprengung war unumstößlich.
Bei den Bürgern gab es unterschiedliche Meinungen dazu und auch massiven Protest. So wie vom Wismarer Dr. Jürgen Gundlach, der mit einem Protestschreiben an den Ministerpräsidenten der DDR seine junge akademische Laufbahn aufs Spiel setzte. Doch St. Marien war ihm wichtiger. Es war auch vielfach stiller Protest zu merken und  Pastor Lemcke, Pfarrer der St.-Marien-Kirchgemeinde setzte einen Trauerrand am Schaukasten der Kirchgemeinde mit Bildern der unzerstörten St.-Marien-Kirche. Nach Meinung führender SED Funktionäre waren dies „von der Nato und westlichen Aggressoren gesteuerte Meinungen“. Jetzt erst merkten viele Bürger, was sie verloren hatten. Schon Anfang des Jahres 1960 war die Kapelle Maria zur Weiden, die nun kaum Gefahren für das Umfeld darstellte, stillschweigend ohne jede Genehmigung abgerissen worden. Die Steine von St. Marien wurden mit großen Steinmühlen bis in den Sommer 1961 zermahlen. Teile der massiven Pfeiler hatten sich der Sprengung widersetzt und mussten per Hand zerkleinert werden. Den Rest transportierten Soldaten der russischen Garnison ab.
Aus den Versprechungen der Stadt gegenüber der Kirche wurde nicht viel. Das Archidiakonatshaus wurde aufgebaut und es entstand auf dem Kirchenboden von St. Marien, der Teil des alten Wismarer Friedhofes ist, ein Parkplatz. Erste Sanierungsarbeiten am St. Marienturm blieben, außer der Instandsetzung der Turmuhr und des Glockenspieles, das zudem noch aus dem damaligen „Westen“ von Altschülern der Großen Stadtschule bezahlt wurde, im Ansatz stecken. Auf dem Platz von Maria zur Weiden wurde eine noch heute existierende Betondecke gegossen und der damalige VEB Fleischwirtschaft stellte dort seine Fahrzeuge ab. Im „sozialistischen Stadtteil“ Wendorf wurde 1966 das „Haus der Begegnung“ geweiht. Man vermied damals das Wort „Kirche“. Die St.- Georgen-Kirche  verfiel immer mehr und erst ab 1990 war die Zeit reif für einen Wiederaufbau und für die Nutzung aller Bürger.
St. Marien ist durch die Sichtbarmachung der Umfassungsmauern des Kirchenschiffes längst wieder aktuell und sollte Mahnmal sein, das sich ein 14. April 1945 und ein 6. August 1960 nicht wiederholen darf. Nicht mehr und nicht weniger soll dieser kleine Beitrag, der längst nicht alles aus der Zeit vor 50 Jahren wiedergeben kann, bewirken.
 
 

Detlef Schmidt

Wismar, den 12. Juni 2010
 
 
 

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