Dokumente des Rates der Stadt Wismar:

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"Herr Ministerpräsident, ich beschwöre Sie, Ihre Hand über diesen Bau zu halten. Wehren Sie von der Deutschen Demokratischen Republik ( ... ) die Schande ab, ohne Not ihre anvertrauten Kulturdenkmäler zerstört oder gefährdet zu haben. Ein Volk, das nicht entschlossen ist, mit letzter Kraft sein kulturelles, historisches und geistiges Erbe zu bewahren, ist nicht wert, ein solches zu besitzen."
(Frau Professorin Marie-Luise Henry - geb.: 15.6.1911 in Brüssel, Professorin der Theologie, in einem Brief am 16. August 1960 an den Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl .... zitiert aus: "Aus den Augen, aus dem Sinn", Georg  M. Diederich, Edition Temmen, Rostock 1997, Seite 10)
15. Dezember 1949:
Auszug aus der Rede von Bürgermeister Oettinger bei der Konstituierung des "Aufbaurings Wismarscher Kulturstätten"
" Was würde unsere Stadt sein, wenn wir nicht inder Lage wären, unsere beiden  Kirchen wieder aufzubauen? Bedenken Sie einmal das schöne Stadtbild, wenn man von der Seeseite oder von Osten oder Süden kommend die Sicht über die Stadt nimmt, dieses uns so vertraute Stadtbild und die schöne Silhouette: Man fragt sich dann, wann wird endlikch etwas an den Kirchen getran. Wir sind nicht untätig gewesen seit 1945. Die weniger zerstörten Kirchen, wie Nikolai- und Heilig-Geist-Kirche, sind mit den wenigen Mitteln zum großen Teil wiederhergestellt. In aller Stille wurde daran gearbeitet. Unsere Marienkirche ist arg zerstört und wird ziemlich erhebliche Mittel benötigen.
Anders ist es mit der Georgenkirche. Aber auch hier waren wir nicht untätig.  ..... "

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Weitere Dokumente:


unveröffentlichter Leserbrief an die Osteseezeitung von Stadtarchivarin Düsing :
"Der zeite Weltkrieg hat ungeheuer viele Baudenkmäler zerstört, so dass man sich reiflich überlegen sollte, die Ruine der St. Marienkirche abzureißen, ist sie doch ein Baudenkmal aus der Hansezeit und gehört seit fast 600 Jahren zum Stadtbild. Darüber hinaus ist die Marienkirche eines der bekanntesten Bauwerke im gesamten Ostsee- und skandinavischen Raum und den Freunden aus den Ostseeländern ein Begriff, die während der Ostseewochen auch unserer Stadt besuchen." zit. aus:Robert Scheunpflug  "Zur Herstellung von Leichtbauelementen geeignet..." - Der Abriss der Marienkirche Wismar im Kontext von Staat, Kirche und Denkmalpflege, Hrsg.: Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e. V., 2007, Seite 53
 

Dipl. Ing. Polenz von der Denkmalpflege schreibt in einer Stellungnahme vom 30 Mai 1960:
"( ...) Sind Häfen und Werften unser Werk und pulsiert dort das Leben unseres sozialistischen Aufbaus, so sind die (...) Backsteinbauten Erzeugnisse jener Entwicklungsphase der menschlichen Gesellschaft, in der sich die durch weitreichenden Handel und intensiven Handwerkerfleiß erstarkte bürgerliche Gesellschaft von der feudalen Bevormundung zu befreien begann. Die großen Pfarkirchen der Hansestädte (...) sollten beuwußt auch Zeichen des Reichtums und der wirtschaftlichen Macht der Bürgerschaft sein, die nun in ihren Bauaufträgen mit dem hohen Klerus und den Domen der deutschen Kaiser Schritt zu halten versuchten. Ähnliche monumentale Zeugnisse der Baukunst des Bürgertums als der damals progressivsten Gesellschaftsklasse finden sich nur noch (...) in den Handelstädte Süddeutschlands wieder." zit. aus: Robert Scheunpflug  "Zur Herstellung von Leichtbauelementen geeignet..." - Der Abriss der Marienkirche Wismar im Kontext von Staat, Kirche und Denkmalpflege, Hrsg.: Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e. V., 2007, Seite 56

 
Dipl. Ing. Polenz sandt am 4. August 1960 - also unmittelbar nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung zum Abriss der St. Marienkirche, per Eilboten einen Bericht an das Ministerium für Kultur in Berlin. 
Dipl. Ing. Polenz richtete an das Ministerium die Bitte:
"... wenn irgend möglich, diesen Beschluss zu sistieren, den Verlust eines wiederaufbaufähigen Objekts zu verhindern, dessen Beseitigung wegen seines immensen Kulturwertes in der ganzen Welt betrauert werden würde."  zit. aus: Robert Scheunpflug  "Zur Herstellung von Leichtbauelementen geeignet..." - Der Abriss der Marienkirche Wismar im Kontext von Staat, Kirche und Denkmalpflege, Hrsg.: Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e. V., 2007, Seite 73
 
Schreiben des Oberkirchenrat Müller vom 8.8.1960 an den Rat des Bezirkes:
"Der Oberkirchenrat hat mit Entrüstung davon Kenntnis erhalten, dass in einer außerordentlichen Stadtverordnetenversammlung (...) der Beschluss gefasst worden ist, die Ruine der dortigen St. Marienkirche bis auf den Turm gänzlich zu beseitigen.
Der Oberkirchenrat sieht sich genötigt, sich in der Angelegenheit an Sie als die vorgesetzte Dienststelle des Rates der Stat Wismar zu wenden mit der Bitte, eine Durchführung des Beschlusses auf alle Fälle zu verhindern. (...) Die lokalen Interessen der Stadt dürften gegenüber der Weltgeltung dieses Bauwerkes auf alle Fälle zurücktzutreten haben. Keineswegs dürfte es angehen, dass lediglich die Stadtverordnetenversammlung über das Schicksal der St. Marienkirche-Ruine entscheiden." zit. aus: Robert Scheunpflug  "Zur Herstellung von Leichtbauelementen geeignet..." - Der Abriss der Marienkirche Wismar im Kontext von Staat, Kirche und Denkmalpflege, Hrsg.: Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte e. V., 2007, Seite 81


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